Crawl – Kritik

Crawl

Mit entschlossenen Zügen bewegt sich Haley (Kaya Scodelario) durch das Wasser. Ihr Körper ist angespannt – höchste Konzentration. Sobald sie sich vom Beckenrand in das Wasser stößt, gilt ihre gesamte Aufmerksamkeit nur einer Sache: dem Wettkampf. Trotz aller Anstrengung soll sie das Becken nicht als Gewinnerin verlassen. Stattdessen breitet sich eine große Leere aus, die Haley seit ihrer Kindheit verfolgt. Damals sorgte ihr Vater Dave (Barry Pepper) für den notwendigen Antrieb, wenn sie die Hoffnung verloren hatte. Doch diese Zeit liegt lange zurück: Inzwischen haben sich die beiden entfremdet, sodass nur noch Haleys Schwester Beth (Morfydd Clark) die Familie mit ihren Facetime-Aufrufen zusammenhält.

Bevor Alexandre Aja in seinem neuen Film, Crawl, die zerstörerische Kraft eines Hurrikans entfesselt und dazu hungrige Alligatoren auf den Plan ruft, porträtiert er mit wenigen, dafür umso effektiveren Szenen eine Familie, die sich auseinandergelebt hat. Die Scheidung ihrer Eltern veränderte Haleys Leben komplett. Nun braucht es mindestens die besorgten Anrufe ihrer Schwester und einen Hurrikan der Kategorie 5, um sie zurück in ihre Heimat zu führen. Die Kleinstadt Coral Lake befindet sich mitten im Auge des tosenden Infernos, das über Florida wütet. Dennoch nimmt Haley das Risiko auf sich, um ein Lebenszeichen jener Person zu erhalten, die ihr in diesem Augenblick nicht ferner sein könnte.

Geschickt verbindet Alexandra Aja die Genre-Elemente seines Katastrophen- und Horrorfilms mit dem Vater-Tochter-Drama, das die Säulen des nachfolgenden Survival-Abenteuers bildet, bei dem es schließlich um nicht weniger als das nackte Überleben geht. Das Haus ihrer Kindheit verwandelt sich in eine Todesfalle, während der Wasserspiegel stetig steigt: Einmal mehr muss Haley um die Wette schwimmen, dieses Mal steht allerdings mehr auf dem Spiel als je zuvor – das lässt uns Alexandra Aja mit jeder Faser seiner effizienten wie überzeugenden Inszenierung spüren. Unaufhörlich peitscht der Regen die Erde auf und Haley muss sich durch den Matsch unter dem Haus wühlen, der stellvertretend für all die unausgesprochenen Konflikte steht, die ins Jenseits verbannt wurden.

Der Hurrikan spült die Vergangenheit nach oben, ehe er den vermeintlichen Ort von Familie und Geborgenheit vollständig vernichtet. Dazu kommen die Alligatoren, die von Alexandra Aja gleichermaßen als stampfende Monster und flinke Gegenspieler inszeniert werden. Wuchtig und angsteinflößend fällt der erste Auftritte der Ungeheuer aus: Auf engstem Raum wird Haley mit den Alligatoren konfrontiert, die wie eine Dampfwalze alles niedermähen, was ihnen in den Weg kommt. Sie stürmen durch den Keller des Hauses, als wollten sie noch mehr der verdrängten Erinnerungen aufwirbeln, während der Hurrikan im Hintergrund mit erschreckender Beiläufigkeit die Nachbarschaft zerlegt. Schon bald ist nur noch eine apokalyptische Regenlandschaft zu erkennen.

Für kathartische Momente bleibt da keine Zeit, zumal sich die Alligatoren mit dem Anstieg des Wasserspiegels in eine unsichtbare Gefahr verwandeln. Überall lauern sie mit ihren leuchtenden Augen und warten nur auf ein verräterisches Zeichen ihrer Opfer. Die Direktheit, mit der Crawl seine Handlung vorantreibt, ist wahrlich bemerkenswert – ebenso der Verzicht auf eine ironische Ebene, wie sie etwa den ebenfalls von Alexandra Aja in Szene gesetzten Tierhorror Piranha 3D vor neun Jahren noch dominierte. Crawl konzentriert sich auf das Wesentliche, genauso wie seine Protagonistin, den großen Weltuntergang um sich herum ausblenden muss, damit sie ihre Familie im Kleinen retten kann – ein fesselnder Kontrast und ausgezeichneter Motor für den Film.

Ist der Kampf gegen die Alligatoren gewonnen, wartet immer noch eine Naturkatastrophe von ungeheurem Ausmaß. Zuerst bricht nur ein Baum durchs Fenster und sorgt für einen von mehreren gezielten Jump-Scares. Dann reißt eine Flutwelle die letzten Überbleibsel ein, an das sich Haley in ihrem Leben noch klammern kann. Es ist unmöglich, diesen Kampf zu gewinnen. Doch das muss Haley gar nicht – die Akzeptanz dieser Erkenntnis ist die größte Hürde. Den Kampf um ihre Familie entscheidet sie nämlich bereits an dem Punkt, an dem sie alle Straßensperren ignoriert, um zum Haus ihres Vaters zu gelangen. Danach geht es nur noch darum, Wunden auf- und Gebäude einzureißen. Von einem zweiten The Shallows ist Crawl trotzdem noch ein weites Stück entfernt.

Crawl © Paramount Pictures