Detective Pikachu – Kritik

Detective Pikachu

Durch die Schatten einer futuristischen Stadt schleicht sich eine kleine undefinierbare Kreatur. Erinnerungen an das dampfende Los Angeles aus Ridley Scotts Blade Runner werden wach, während die Kamera die verborgenen Winkel von Ryme City erkundet, auch die Musik von Henry Jackman greift gelegentlich Vangelis‘ Synthesizer-Klänge auf. Was folgt, ist ein düsterer Science-Fiction-Film, der sich ebenso als Film noir versteht und in einem aufregenden Abenteuer einen Detektiv mit einem Jungen zusammenführt.

Das alles sind Elemente, die sich durchaus in einem Film vereinen lassen. Allerdings reden wir hier nicht von irgendeinen Film, denn der Detektiv heißt Pikachu. Die erste Realverfilmung im Pokémon-Universum, das seit dem ersten Videospiel aus dem Jahr 1996 beständig expandiert und inzwischen zu einer der populärsten Marken auf dem Planeten gehört, ist ein genauso verrücktes wie ein unabwendbares Unterfangen. Gleichzeitig wäre das Filmjahr 2019 deutlich ärmer, würde es Detective Pikachu nicht geben.

Nach unzähligen Videospielen, Sammelkarten und den Anime-Ausflügen war der Sprung zur Live-Action-Adaption nur noch eine Frage der Zeit. Trotzdem ist er kein leichter. In den vergangenen zwei Dekaden haben wir ambitionierte Videospielverfilmungen viel zu oft scheitern sehen. Nur wenigen Filmemachern ist es gelungen, die mitreißenden Geschichten, Bewegungen und Mechaniken auf die große Leinwand zu bannen. Paul W.S. Andersons Resident Evil-Filme gehören zu den raren Ausnahmen.

Rob Letterman und sein Kreativteam gelingt es dennoch, den geballten Wahnsinn eines Pikachu-Films souverän fürs Kino umzusetzen. Die Entscheidung, das 2016 erschienene und damit noch recht junge Videospiel Detective Pikachu anstelle eine der beliebten Editionen zu adaptieren, erweist sich als Glücksfall. So kann der Film einen kleinen Seiteneinstieg in die gigantische Welt der Pokémon wählen und umgeht damit den Kampf gegen eine Informationswelle. Schrittweise erfolgt die Einführung in deren Mythologie.

Mit dem jungen Tim Goodman (Justice Smith) entdecken wir Zuschauer die Geheimnisse von Ryme City und lernen die Gesetze dieses Universums kennen. Auf den ersten Blick gleicht der zentrale Schauplatz einer Utopie, in der Menschen Seite an Seite mit den mal kleineren und mal größeren Taschenmonstern leben. Ein Schiggy hilft beim Feuerlöschen, während ein Machomei den Verkehr regelt – trotz offensichtlicher Unterschiede ergänzen sich die vielfältigen Einwohner der Stadt, doch dieses Paradies besitzt auch seine Schattenseiten.

Wenn Tim auf das sprechende Pikachu seines verschwundenen Vaters trifft, beginnt eine Reise, die das ungleiche Paar immer tiefer in den Schlund der Stadt führt. Eine große Verschwörung ist im Gange, die sowohl die Menschen als auch die Pokémon bedroht und daher zur Steilvorlage für das Zusammenspiel beider Welten avanciert. Besonders spannend gestaltet sich dabei, dass wir mit Tim einem Protagonisten folgen, der den Traum vom Pokémon-Trailer längst aufgegeben hat und sich von der Magie der knuddeligen Wesen nicht mehr beeindrucken lässt.

Seine Coming-of-Age-Geschichte führt ihn trotzdem zurück zu seinen Wurzeln, zurück in seine Kindheit und damit auch wieder zurück zu seiner Familie, die zerbrochen ist, von der er sich entfremdet hat. Bei all den Spezialeffekten, die in Detective Pikachu im Einsatz sind, um die Pokémon zum Leben zu erwecken, erdet dieses emotionale Grundgerüst den Film gekonnt, besonders im Hinblick auf die Dynamik, die sich zwischen Tim und Pikachu entwickelt, von der jungen Journalistin Lucy (Kathryn Newton) und ihrem Enton ganz zu schweigen.

Ryan Reynolds als Synchronsprecher des Elektro-Pokémons ist natürlich nicht unbeteiligt, dass Detective Pikachu zunehmend an Fahrt gewinnt. Gleichermaßen frech wie einfühlsam meldet sich sein Pikachu zu Wort, das ausgefeilt animiert und fraglos die putzigste Erscheinung des Kinojahres ist. Situationskomik ergibt sich reichlich – auch im Hinblick auf die anderen Pokémon, die versteckt im Hintergrund für einen wahrlich bemerkenswerten wie hinreißenden Detailreichtum sorgen. So viele kleine Gesten verstecken sich in diesem Film!

Das Worldbuilding funktioniert ausgesprochen gut und trotzdem ist Detective Pikachu noch nicht dort angekommen, wo er sein könnte. Das ist jedoch überhaupt nicht schlimm, denn das Fundament wurde gelegt und strotzt jedem Zweifel an einer Umsetzung des Stoffs als Realfilm. Viel spannender ist nun die Frage, in welche Richtung sich das Franchise in Zukunft entwickeln wird, nun, wo dieses Tor erfolgreich aufgestoßen wurde. In Detective Pikachu werden wir Teil eines faszinierenden Prozesses, der jeden Augenblick scheitern kann.

Dennoch gelingt das Experiment – sogar so gut, dass am Ende weniger Kalkül als Herz existiert. Entgegen der berechnenden Maßnahmen im Hintergrund, die ein solches Franchise-Projekt antreiben, überzeugt Detective Pikachu ähnlich wie The Lego Movie seinerzeit mit großem Einfallsreichtum und einer berührenden Geschichte. Diese streift spielerisch fantastische Welten und verschiedene Genres, erzählt von einem Pikachu, das gleichzeitig auch ein Detektiv ist, und wurde darüber hinaus auf 35mm (!) gedreht. Selbst wenn da noch ein paar erzählerische Ungereimtheiten existieren, ist dieser Film ein liebevoll umgesetztes, unerwartetes Vergnügen.

Detectiv Pikachu © Warner Bros.