Die Einzelteile der Liebe – Kritik

Die Einzelteile der Liebe

„Ich hasse dich“, lauten die ersten Worte, die durch Die Einzelteile der Liebe schallen. Ungefiltert sprudeln die Emotionen aus einer jungen Frau heraus, während ihr Mann den eigenen Sohn entführt. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Trotzdem sind es danach ruhige und kontrollierte Bilder, die den ersten abendfüllenden Spielfilm von Regisseurin und Drehbuchautorin Miriam Bliese bestimmen. Die Bilder sind sehr streng und stets unerschütterlich in der Umgebung verankert, wenngleich wir im Zuge der nachfolgenden eineinhalb Stunden Zeugen einer Trennung werden, die immer wieder mit dem Augenblick des Zusammenkommens unterbrochen wird.

Im Mittelpunkt der Geschichte befinden sich Sophie (Birte Schnöink) und Georg (Ole Lagerpusch). Sie wurde hochschwanger von ihrem letzten Freund sitzengelassen. Er übernimmt daraufhin die Vaterrolle und gemeinsam ziehen sie den kleinen Jakob (Justus Fischer) groß, bis das Glück nach sechs Jahren sein Ende findet und die zusammengesetzte Familie auseinanderbricht. Der Kampf um das Sorgerecht spaltet. Dazwischen findet sich Fred (Andreas Döhler) wieder, Sophies neuer Freund, der sich seiner Rolle als zukünftiger Vermittler noch gar nicht bewusst ist. Wie alle anderen Figuren, muss er seine Bestimmung erst entdecken.

Dieses Entdecken ist gar nicht so einfach, da Die Einzelteile der Liebe – gemäß dem Titel – nie ein vollständiges Bild präsentiert. Etwas Großes, etwas Vollkommenes existiert hier nicht, genauso wenig wie der Traum von der perfekten Familie. Stattdessen sind es Bruchstücke einer Beziehung, die vereinen und auseinandertreiben, während sich die Figuren in losen Szenen überwiegend vor der eigenen Haustür wiederfinden. Bereits vor sechs Jahren erzählte Miriam Bliese in ihrem Kurzfilm An der Tür von einem getrennten Paar, das nur noch die Sprechanlage verband. In Die Einzelteile der Liebe finden sich Sophie und Georg nun beide vor dem trauten Heim wieder, mal versöhnt, mal zerstritten.

Ins Innere des Gebäudes entführt uns die Kamera nie, gleichwohl der eingangs erwähnte Schrei aus Sophies tiefstem Inneren stammt. Viele dieser Widersprüche finden sich in Die Einzelteile der Liebe wieder, etwa auch dann, wenn sich die formale Strenge des Films als beißender Kontrast zu den brodelnden Gefühlen der Streitenden entpuppt. Die Kamera pfercht die Figuren geradezu ein, drückt sie gegen die Hauswand und bewahrt trotzdem eine gewisse Distanz, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als jene Einzelteile der Liebe aus der Ferne zu beobachten. Wie gelähmt stehen wir auf der anderen Straßenseite, obgleich sich vor uns alles verändert.

Schließlich verhandeln die Figuren selbst die Parameter von Form und Strenge. Darf hier improvisiert werden, bei einem Lied, das uns zusammenschweißt? Wird die Musik nicht langweilig, wenn sie immer nur den gleichen Tönen folgt? Doch wie kann der Einstieg gewährleistet werden, wenn plötzlich einer der Musizierenden aus dem Rahmen ausbricht und sein eigenes Ding durchzieht? Es ist ein Dilemma, das Miriam Bliese selbst nur mit neuer (alter) Musik auflösen kann, während es Sophie, Georg und Fred endlich ins Innere schaffen. Zwar nicht ins Innere der eigenen Wohnung, aber zumindest ins Innere eines Raumes, der sowohl Geborgenheit als auch Bewegung verspricht.

Die Einzelteile der Liebe © Arsenal Filmverleih