Dumbo – Kritik

Dumbo

Ein doppelter Neustart steht am Anfang von Dumbo, dem Remake des gleichnamigen Zeichentrick-Klassikers aus dem Jahr 1941. Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) blickt einer neuen Saison entgegen, während Regisseur Tim Burton eine der bekanntesten Disney-Geschichten auf der großen Leinwand zu neuem Leben erweckt. Vielversprechend gestaltet sich das Kommende. Wo Medici sogar in ein schwangere Elefantendame investiert hat, um das Publikum mit einem süßen Elefantenbaby als Hauptattraktion zu entzücken, greift Tim Burton auf computeranimierte Spezialeffekte zurück, um uns im Kino zu überwältigen. Doch das große Kunststück kann weder gekauft noch einfach produziert werden. Es entsteht auf einer Reise – und die beginnt in Florida.

Wie im Original folgen wir der roten Linie, die die Eisenbahn auf der Landkarte hinterlässt, während in einer fantastischen Montage die ersten Eindrücke des bevorstehenden Abenteuers vorbeifliegen. Vor allem blitzen bei Tim Burton die ewig grünen Landstriche eines Amerikas durch, dessen ländliche Idylle später zusätzlich mit den betörendsten Sonnenuntergänge vergoldet wird. Ein verträumter Blick, aber auch eine gewisse Künstlichkeit haben sich in diesen Dumbo geschlichen. Erst wenn die schnaufende Eisenbahn zur Ruhe kommt und der Dampf vom Bahnsteig verschwindet, offenbart sich ein düsteres, geradezu unheimliches Bild: Der ehemalige Zirkus-Star Holt Farrier (Colin Farrell) kehrt aus dem Krieg zurück.

Schlagartig verschwindet das Strahlen aus den Gesichtern seiner Kinder, Milly (Nico Parker) und Joe (Finley Hobbins), als sie entdecken, dass dem Vater der linke Arm fehlt. Obwohl der Holt wieder zu Hause ist, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Die erhoffte Rückkehr in behütete Erinnerungen findet nicht statt. Wie könnte sie auch? Schließlich hat die Veränderung bereits in den vergangenen Monaten stattgefunden, schleichend, aber unumkehrbar. Wo sich nach all dem Schrecken der Vergangenheit, den uns Tim Burton nur erahnen lässt, endlich wieder Harmonie ausbreiten sollte, breitet sich plötzlich Entfremdung aus – vor allem dann, wenn Holt der Kriegsheimkehrer von seinen Zirkuskollegen wie ein Außerirdischer angestarrt wird.

Schon in diesen ersten Minuten balanciert Tim Burton gekonnt die Frage nach den Außenseitern, den Freaks, die seine Filme seit Anbeginn seiner Karriere bevölkern. Diese verstecken sich auf vielen verschiedenen Ebenen der Geschichte, ehe sie in aller Deutlichkeit durch den kleinen Dumbo mit seinen riesigen Ohren zum Ausdruck kommen. Schlussendlich ist aber jeder in diesem traurigen, aber auch liebevoll umgesetzten Märchen ein Außenseiter, auch der von seinem Stolz und seiner Skrupellosigkeit verschlungene Showmaster und Entrepreneur V.A. Vandevere (Michael Keaton), der mit seinen nahezu unerschöpflichen Ressourcen diejenigen zu beeindrucken versucht, die abgekapselt vom Rest der Welt in der höchsten, exklusivsten Liga spielen.

Dumbo erweist sich folglich als idealer Burton-Stoff und dennoch ist der eigenwillige Filmemacher im ersten Drittel hauptsächlich damit beschäftigt, die altbekannte Geschichte in strahlende Bilder zu gießen, während die Wiedervereinigung mit seinem Komponist Danny Elfman für die größte Freude des Auftakts sorgt. Elfmans Kompositionen sind es dann auch, die Dumbo begleiten, wenn er das erste Mal den geifernden Blicken in der Manege ausgeliefert ist, bevor die Situation außer Kontrolle gerät und Chaos und Panik das Gefängnis zum Einsturz bringen. Trost spendet der musikalische Unterbau in dieser getriebenen Welt, deren im Kern verborgene Hässlichkeit immer deutlicher zutage tritt. Tim Burton beherrscht diese Themen im Schlaf, unwiderstehlich wird sein Dumbo aber, sobald er sich auf den Weg nach New York begibt.

Der Mammon bestimmt den Richtungswechsel, der noch einmal für eine ganz andere Dimension des Staunens sorgt, obwohl im Unterbewusstsein längst klar ist, dass sich die Situation für alle Beteiligten verschlechtert hat. Für Dumbo dennoch ein Triumph: Wenn Bösewicht Vandevere die Truppe rund um das Elefantenbaby in sein eigenes Dreamland integriert, reißt Tim Burton den Film an sich und entführt uns endgültig in eine seiner faszinierenden Welten, in der unzählige Möglichkeiten und Geheimnisse existieren. Das Dreamland ist ein Palast der Unterhaltung in Coney Island. Hier sind der Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt und dennoch verbirgt sich hinter dieser fantasievollen Fassade ein mechanisches Grundgerüst sowie unzählige Hebel und Knöpfe, die für Wunder sorgen.

Die Wunder-Maschine im Film und der Film als Wunder-Maschine – dieses Motiv verhandelt Tim Burton in Dumbo so direkt wie seit seinem unterschätzten Charlie and the Chocolate Factory nicht mehr. Plötzlich lässt sich sein Film verformen und ist frei wie der kleine Elefant, der sich durch die Lüfte bewegt. So verwandelt sich Dumbo kurzzeitig in eine Monstergeschichte, erzählt einen spannenden Heist und endet damit, dass auch der zweite Tempel des Films, Vandeveres Dreamland, in sich zusammenstürzt, obwohl er im Gegensatz zum Zirkuszelt aus dem ersten Akt, mit stählernen Stangen tief im Boden, tief in diesem Amerika verankert ist. Umsturz und Ausbruch: Das unterdrückende System muss in Dumbo komplett niedergebrannt werden, während das Böse fassungslos den lodernden Flammen entgegenblickt.

Aus der Asche entsteht eine neue Heimat, dieses Mal eine, in der Holt trotz fehlendem Arm wieder zum Star einer Show werden kann und die Familie, die zerbrochen und entfremdet war, in neuer Form zusammenwächst. Amerika ist repariert, der Heimkehrer endlich angekommen und selbst die alten Zirkustricks sind vergessen, denn nach dem Fall der Mächtigen muss sich niemand mehr beweisen und sein Gegenüber täuschen. Besonders im Hinblick auf die nervenaufreibenden Ereignisse zuvor überrascht es durchaus, wie schnell sich die Konflikte in Dumbo auflösen und der fliegende Held eine letzte Siegesrunde dreht. Doch in diesem Moment hat Tim Burton längst bewiesen, dass er die Karte dieser Reise ausführlichste studiert hat und die daraus entstehende Geschichte sowohl als erschreckendes als auch als gefühlvolles Abenteuer erzählen kann.

Dumbo © Walt Disney Studios Motion Pictures