Ema – Kritik

Ema

Ema beginnt mit einem Bild, das Zerstörung und Schöpfung auf verblüffende Weise vereint. Während die Lichter der chilenischen Hafenstadt Valparaíso im Hintergrund verschwimmen, zeigt uns Regisseur Pablo Larraín eine brennende Ampel, die wie ein Geist in den Straßen hängt. Zuerst sind die Flammen zögerlich, doch bald haben sie komplett von dem stummen Wegweiser Besitz ergriffen und verschlingen seine leitenden Farben. Es ist der Grundstein für einen Film, der in seinen nachfolgenden Minuten dem Feuer treu bleibt. Genauso einnehmend erzählt er auch von dem, was aus der Asche entsteht.

Die brennende Ampel verwandelt sich in eine gigantische Sonne, in deren Angesicht sich zahlreiche Silhouetten zu mitreißenden Reggaeton-Klängen bewegen. Ema (Mariana Di Girólamo) ist eine der Tanzenden, die sich vom Pulsschlag des brodelnden Himmelkörpers anstecken lässt. Ihr Mann, Gastón (Gael García Bernal), ist der Choreograph des Stücks, das Pablo Larraín nie in Gänze zeigt. Stattdessen unterbricht er die Aufführungen mit nervösen Gesprächsfetzen, die in das aufgewühlte Innenleben der Figuren entführen und die Gründe für das einleitende Feuer enthüllen.

Ema und Gastón stehen vor einem Scherbenhaufen. Ihre Ehe funktioniert nicht mehr seitdem sie sich dazu entschlossen haben, ihren Adoptivsohn zurückzugeben. Vorwürfe und Schuldfragen stehen im Raum. Ema würde am liebsten sofort die Scheidung einreichen, komplett von Gastón lösen kann sie sich allerdings nicht. Immer wieder treibt der Schmerz die beiden zusammen und stößt sie voneinander ab, sodass ihre Beziehung selbst zu einer wilden Tanzbewegung wird: Jeden Augenblick kann sich alles verändern – und dann kommen die anderen Menschen dazu, die sich ihren Weg auf die Tanzfläche bahnen und alles verkomplizieren.

Pablo Larraíns neuer Film steigert sich mit dem Rhythmus der Musik und setzt auf Farben, die der Intensität der zerrissenen Gefühle keineswegs nachstehen. Gerade nach Jackie, der sich langsam und leise der Trauer seiner Protagonistin annäherte, erweist sich Ema als überwältigender Kontrast: Die Emotionen glühen, wenn Mariana Di Girólamo eindringlich in die Kamera blickt und uns Zuschauer in diesen unaufhaltsamen Strudel hineinzieht, der provokant, schockierend, aber zugleich wunderschön ist. Nicht einmal die erschreckenden Abgründe, die sich in der Geschichte auftun, unterbrechen den Sog des Films.

Je ambivalenter Ema wird, desto weniger kann man sich den hypnotisierenden Bildern entziehen. Die Neugier, was als Nächstes passiert, ist viel zu groß, als dass dieses filmische Labyrinth seinen Reiz verliert, besonders wenn die Leidenschaft den Ton angibt. Verführerische Blicke provozieren die unerfüllten Sehnsüchte der Figuren, die sich lieben, zerstören und wieder lieben. Alles in diesem Film vibriert, ist manipuliert und stilisiert. Alles geht kaputt und entsteht neu. Eine rauschhafte, ungemütliche, aber ebenso aufregende Erfahrung, die das Kino in all seinen Vorzügen auskostet.

Ema © Koch Films/Studiocanal