Family Romance, LLC – Kritik

Family Romance, LLC

In einem Roboterhotel schwimmen in einem Aquarium Roboterfische. Künstlicher wird die Situation nicht mehr und dennoch kann Yuichi Ishii seinen Blick von dem merkwürdigen Treiben nicht abwenden. Die von winzigen Motoren getriebenen Fische ziehen ihn in den Bann, als würde er echte Lebewesen beobachten, die bestimmend im Kreis schwimmen und gelegentlich an die Grenzen ihres kleinen, abgesteckten Reiches stoßen. So durchschaubar die Illusion auf den ersten Blick wirkt, so faszinierend entpuppt sie sich in ihrer Imitation von Realität. Schon bald kann auch die Kamera ihren Blick nicht mehr abwenden.

Ungefähr zur Hälfte von Family Romance, LLC ereignet sich diese Szene, die sowohl als Spiegel als auch Erweiterung der Thematik des neuen Films von Werner Herzog fungiert. Mit minimalem Budget drehte der Regisseur und Drehbuchautor im Frühling und im Sommer 2018 in Tokio einen Film, der die Grenzen zwischen Dokumentation und Drama verschwimmen lässt. Yuichi Ishii, der sich hier selbst verkörpert, tritt dabei als Protagonist auf. Mit seiner – auch im echten Leben existierenden – Agentur Family Romance vermittelt er Schauspieler*innen, die anschließend in die Rolle von Mitgliedern fremder Familien schlüpfen.

Mitunter übernimmt Yuichi Ishii selbst eine dieser Rollen, etwa im Fall der 12-jährigen Mahiro, für die er den Vater spielen soll, der sie vor zehn Jahren verlassen hat. Die nachfolgenden Begegnungen zwischen den beiden bilden den roten Faden des Films, auch dann, wenn Inszenierung und Realität nahtlos ineinander übergehen. War da anfangs nur eine bizarre Geschäftsidee, entwickelt sich zunehmend eine Beziehung mit echten Gefühlen, die nicht mehr geleugnet werden kann und noch tiefer in die moralische Grauzone führt, in die sich Yuichi Ishii jeden Tag mit verblüffender Sorglosigkeit begibt.

Vielen Menschen hilft er mit seinen käuflichen Familienmitgliedern aus der Bredouille, unter Umständen rettet er sogar ihren Arbeitsplatz, weil der spontan geschaffene Kollege alle Schuld vor dem Vorgesetzten problemlos auf sich laden kann. Von einer Gesellschaft, die sich selbst nicht kennt, erzählt Werner Herzog in diesen Momenten – womöglich würden die Menschen nicht einmal die eingangs erwähnten Roboter im Hotel von sich selbst unterscheiden können, wenn sie nicht ihre gesamte Aufmerksamkeit aufbringen, um den Schein zu hinterfragen, der ihnen das Leben in seinen müßigen Facetten erleichtert.

Mit diesem Schein und der Lüge des gekauften Glücks spielt Werner Herzog umso bewusster, indem er seine Aufnahmen wie die eines Dokumentarfilms behandelt. Naturalistische Bilder, die unmittelbar den Moment einfangen und dadurch ein trügerisches Gefühl von Authentizität schaffen, bringen den Zuschauer schließlich in die gleiche Situation wie Yuichi Ishii im Angesicht der Roboterfische: Man weiß um die Täuschung des Gezeigten und dennoch fällt es schwer, sich dieser zu entziehen. Noch in dem Augenblick, wo man das Kuriosum Family Romance, LLC untersuchen möchte, reißt es einen mit.

Die Musik von Ernst Reijseger, der sich einmal mehr mit Werner Herzog auf die Suche nach der ekstatischen Wahrheit begibt, trägt maßgeblich dazu bei, dass man sich dem täuschenden Sog von Family Romance, LLC nicht entziehen kann. Dann gelangt der Film an jenen Punkt, an dem unausgesprochene Grenzen überschritten werden und sich der Mensch von sich selbst und seiner eigenen Familie entfremdet, sowohl der echten als auch der inszenierten. Was bleibt, ist der Blick durch das verschwommene Glas einer Tür und die Frage, ob das, was man dahinter erahnt, mehr Wahrhaftigkeit besitzt. Es ist eines von Werner Herzogs tragischsten Schlussbildern, unbeschreiblich in seiner Einsamkeit.

Family Romance, LLC © Film Constellation/Skellig Rock