First Reformed – Kritik

First Reformed - Kritik

Das erste Bild von First Reformed ist ein unvergessliches. Langsam bewegt sich die Kamera auf das titelgebende Gotteshaus zu, das zwischen einschüchternder Sicherheit und einer unerwarteten Zerbrechlichkeit in der tristen Umgebung liegt. 250 Jahre wird diese Kirche in wenigen Wochen alt sein, trotzdem oder gerade deswegen versammeln sich nur noch Touristen, um die schlicht gestalteten Räume des Gebets zu besuchen. Im sonntäglichen Gottesdienst begrüßt der ehemalige Militärpriester Ernst Toller (Ethan Hawke) nur einen kleinen Stamm regelmäßiger Besucher. Wir beobachten in diesem Moment fraglos etwas, das im Sterben liegt. Gleichzeitig zeugt die Eröffnungssequenz von Paul Schrader jüngster und bester Regiearbeit seit langer Zeit von etwas unheimlich Bedrohlichem.

Mit jedem Meter, dem sich die Kamera der Kirche nähert, werden die Farben und Konturen deutlicher. Die anfängliche Dunkelheit verschwindet aus dem Bild – doch das Leben sucht man vergebens in dieser Einstellung. Geradezu gespenstisch ragt das Gebäude aus der Landschaft. Wärme und Geborgenheit haben sich schon vor Jahren von diesem Ort verabschiedet. Paul Schrader erzählt in First Reformed vor allem von Einsamkeit und der damit einhergehenden Stille, die ab einem gewissen Zeitpunkt selbst zum unüberhörbaren Störgeräusch wird und das Geschehen wie ein unheilvoller Pulsschlag antreibt. Dieser Film steuert auf eine Katastrophe zu, davon künden die ersten Minuten mit unerschütterlicher Überzeugung.

Weniger überzeugt ist Toller von seinem Glauben. Der Zweifel erstickt die Hoffnung. Ein Tagebuch soll sein Leben wieder ordnen, allerdings spricht bereits aus den ersten Worten, die er mit Tinte fein säuberlich niederschreibt, eine große Unsicherheit, die nur zu mehr Zweifel führt und ein außerordentliches Maß an Disziplin erfordert. Diese Strenge, die aus den unterschiedlichsten Facetten des ebenfalls von Paul Schrader geschriebenen Drehbuchs resultiert, spiegelt sich auch in der Form wieder: Das Seitenverhältnis 1,37:1 verschafft ein zusätzliches Gefühl von Enge und entwirft filmische Räume, aus denen es kein Entkommen gibt. Toller irrt durch seine Kirche, ohne genau zu wissen, was er eigentlich sucht, bis ihn eines Tages die schwangere Mary Mansana (Amanda Seyfried) um ein Gespräch bittet.

Die treue Kirchgängerin macht sich Sorgen um ihren Mann, seines Zeichens ein Umweltaktivist, der frisch aus dem Gefängnis entlassen wurde. Michael (Philip Ettinger) ist sein Name. Grübelnd sitzt er in der karg eingerichteten Wohnung und berichtet vom Ende der Welt, was ebenfalls der Grund ist, warum er kein Kind in selbige setzen will. Toller, dessen Ehe an Verlust des eigenen Kindes zerbrochen ist, erweist sich als geduldiger Zuhörer, doch verändern kann er nichts. Die eigene Glaubens- und Existenzkrise macht ihm zu schaffen, während er in einen Konflikt hineingezogen wird, der bedeutend größer als eine verirrte Seele. Bald richtet Paul Schrader seinen Fokus aber auf einen anderen Aspekt dieser ruhigen wie intensiven Meditation.

Wo sich Martin Scorsese zuletzt in Silence den unangenehmen wie prüfenden Fragen des Glaubens stellte, offenbart sich First Reformed nach und nach als ein Film über Institutionen und die Gesellschaft, die von diesen geprägt wird. Plötzlich befindet sich Paul Schrader wieder auf einer Augenhöhe mit jenem Taxi Driver, den er vor über vier Dekaden als Drehbuchautor in den Straßen von New York City zum Leben erweckt hat. Nun hat es ihn in den Staat New York verschlagen, wo er erneut einem Außenseiter ins Labyrinth der Selbstzerstörung folgt. Das Radikale versteckt sich in First Reformed jedoch in deutlich unscheinbareren Bildern, die auf der Leinwand ein mulmiges Gefühl beschwören und nach dem Abspann für ein Zittern sorgen.

Nur in einem Moment vergisst Paul Schrader alles, was er über die Menschen und die Welt zu sagen hat, und verliert sich in dem, was er selbst nicht beschreiben kann. Zwei Körper, die aufeinanderliegen, schweben durch das Universum. Selbstloses Vertrauen ist der Schlüssel zu dieser sagenhaften Sequenz, die First Reformed entgegen der weltlichen Fragen, die ein Gros der Geschichte dominieren, auf eine transzendente Ebene hebt und einen unantastbaren Ort schafft, der von keiner Katastrophe zerstört werden kann. Im hoffnungslosesten, verzweifeltsten Augenblick kehrt der Film schließlich an diesen Ort zurück, während sich die beunruhigende Kamera der Eröffnungssequenz mit erlösender Kraft im Kreis dreht und gar nicht mehr aufhören will.

First Reformed läuft im Rahmen des Unknown Pleasures – American Independent Film Festival am 8. Januar 2019 um 20:00 Uhr noch einmal im Arsenal in Berlin. 

First Reformed © A24