Glass – Kritik

Glass - Kritik

Mit einer spektakulären Enthüllung entpuppte sich M. Night Shyamalans nervenaufreibender Thriller Split vor drei Jahren als heimlicher Nachfolger von Unbreakable, jenem sagenhaften Superheldenfilm, der bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts an einem alternativen Begriff des Superheldenkinos interessiert war. Inzwischen belagern jedoch zahlreiche Verfilmungen von Marvel und DC die große Leinwand, nachdem ihnen von Spider-Man, X-Men und Co. der Weg geebnet wurde. M. Night Shyamalan war allerdings schon immer ein Querdenker, jemand, der vertraute Geschichten auf den Kopf stellte und seine eigene Interpretation davon abliefert. Dementsprechend erweist sich auch Glass, die langersehnte Zusammenführung von Unbreakable und Split, als eigenwilliges Unterfangen und erfrischender Kontrast zum aktuellen Superheldengeschehen.

Neugier war definitiv gegeben, als M. Night Shyamalans Unbreakable-Universum unerwarteterweise Form annahm, nachdem sich sämtliche Gerüchte zu einer etwaigen Fortsetzung der Geschichte von David Dunn (Bruce Willis) und Elijah Price aka Mr. Glass (Samuel L. Jackson) nie bewahrheiteten. Es brauchte ein Biest (James McAvoy), das seit Jahren in den Notizen des Regisseurs und Drehbuchautors schlummert, um den genannten Figuren neues Leben einzuhauchen. Nun treffen sie erstmals aufeinander, die von M. Night Shyamalan geschaffenen Supermenschen, doch es ist fraglich, ob sie überhaupt über die Kräfte verfügen, die uns in den vorherigen Filmen vorgestellt wurden. Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) identifiziert eine Krankheit, die es zu heilen gilt – bereits an dieser Stelle beginnt ein spannender Dialog, gesäumt von Metaphern und nachdenklichen Impulsen, aber auch einigen Wiederholungen.

M. Night Shyamalan stellt uns eine Welt vor, die besessen von Superhelden ist und sogar bereitwillig die Gewalt der Selbstjustiz akzeptiert. Die Straßen von Philadelphia sind grau und nass, während Halbstarke vermeintliche Heldentaten durchführen, um später auf YouTube mit den Mitschnitten ihrer Abenteuer zu protzen. Mit der kräftezehrenden Arbeit von Bruce Willis’ Overseer hat das wenig zu tun. Dieser schleppt sich mit müdem Gesicht durch die Gegend und ertastet das Böse, getrieben von einem Drang nach Gerechtigkeit, der im Handumdrehen aber auch als ein die Gesellschaft gefährdender Zeitvertreib ausgelegt werden kann. Selbstbewusst verhandelt M. Night Shyamalan fortan entscheidende Fragen des Superheldenfilms und schafft gerade in puncto Größe einen angenehmen Kontrapunkt: Den überbordenden Krawall eines Avengers-Abenteuers sucht man hier vergebens.

Stattdessen balanciert Glass zwischen der Filmgeschichte und dem Eigensinn seines Schöpfers. One Flew Over the Cuckoo’s Nest von Miloš Forman stand fraglos Pate für die Konfrontation der Figuren, die sich auf engstem Raum ereignet und von weiteren Filmemachern wie Robert Altman inspiriert ist. Vor allem aber triumphiert M. Night Shyamalans Inszenierung, die sich keineswegs vom geringen Budget einschüchtern lässt, sondern effektiv die gegebene Mittel nutzt. Farbliche Kompositionen, die schon Unbreakable und Split ausgezeichnet haben, werden in Glass fortgeführt, während Kameramann Mike Gioulakis stets auf der Suche nach ungewohnten Einstellungen ist, um mit Konventionen zu brechen. Besonders prägnant: Ein riesiger Wolkenkratzer, der im Finale zerstört werden soll, jedoch nie in Reichweite der Figuren gelangt. Dennoch ist er ununterbrochen zu sehen.

Die Bilder von Glass zeigen auf den ersten Blick wenig und trotzdem erzählt der Film unglaublich viel allein dadurch, wie er seine Figuren im filmischen Raum anordnet. In Zeiten von angepassten Filmuniversen ist dieses Bewusstsein überaus willkommen, selbst wenn M. Night Shyamalans Drehbuch dem inszenatorischen Können nicht immer auf gleicher Augenhöhe begegnet. Glass strotzt vor Ideen. Elegant präsentiert werden sie allerdings nicht. Gerade im Mittelteil verfängt sich der Film etwas planlos in seinen Gedankenspielen und klammert sich zu sehr an die 24 Persönlichkeiten von James McAvoys aufgebrachter Bestie. Warum M. Night Shyamalan so fasziniert von der gespaltenen Figur ist, erklärt sich von selbst – die Wechsel der Identitäten sind schlicht verblüffend. Die Gänsehaut resultiert jedoch aus dem Schweigen von Mr. Glass und David Dunns niedergeschlagenen Blicken.

Das Spiel mit den Gegensätzen gelingt M. Night Shyamalan nur bedingt. Erst, wenn er alle seine drei Figuren im tragischen Finale auch auf emotionaler Ebene zusammenbringt, entfaltet Glass sein gesamtes Potential. Auf einmal herrscht eine Stimmung, die in ihrer Hoffnungslosigkeit geradezu unerhört ist und nur die bittersten Konsequenzen kennt. Da stehen selbst zum Showdown zusammengekommene Nebenfiguren (Anya Taylor-Joy, Spencer Treat Clark und Charlayne Woodard) fassungslos am Rand und bezeugen die Niederlage der Superhelden im Augenblick ihrer Entstehung. Plötzlich verwandelt sich eine unscheinbare Pfütze in einen alles verschlingenden Ozean und M. Night Shyamalan stellt einmal mehr sein Können als Regisseur unter Beweis, der sich für Zusammensetzung von bewegten Bildern interessiert, anstelle diese blind abzuspulen. Im Epilog verliert er dennoch die Konzentration, wodurch Glass mit einer gespaltenen Note endet.

Glass © Walt Disney Studios Motion Pictures