Good Time – Kritik

Good Time - Kritik

Selten fühlten sich New Yorks Straßen so rau und trostlos an wie in Good Time, dem jüngsten Film von Ben und Josh Safdie. Angesiedelt in den Schluchten der Metropole sowie jenem Ödland, das sich außerhalb der glänzenden Bauten befindet, die in den Himmel ragen, dominieren hier die Hinterhöfe, umringt von Zäunen und Barrikaden. Der Asphalt ist nass und erbarmungslos. Er hinterlässt seine Spuren – vor allem dann, wenn man auf ihm ausrutscht, die Knie aufschürft und Dreck in die glühende Wunde gerät. Genau von diesem brennenden Gefühl erzählt Good Time mit unglaublicher Energie, die aus den nächtlichen Aufnahmen genannter Metropole resultiert und dabei insbesondere an den schwindelerregenden Abgründen interessiert ist, die sich unerkannt in der Finsternis verstecken.

Es ist eine rohe, unangenehme und kalte Winternacht, in der Connie Nikas (Robert Pattinson) durch dieses hoffnungslose Gewirr an Lichtern und Kreuzungen irrt, nachdem ein Banküberfall mit seinem kognitiv beeinträchtigten Bruder Nick (Ben Safdie) phänomenal gescheitert ist. Eingesperrt auf Rikers Island muss Nick, der sich seiner Situation keineswegs im Klaren ist, nun eine bittere Haftstrafe absetzen, während Connie alles daran setzt, um die entsprechende Kaution aufzutreiben. Was folgt, ist eine – wie schon der Banküberfall – holprig geplante Rettungsaktion inklusive nervenaufreibenden Fluchtversuch, der sich später als unglaubliches Missverständnis herausstellen soll. Doch gerade von diesen unwahrscheinlichen Begegnungen lebt Good Time.

In körnigen Bildern treffen die Menschen aufeinander, werden von harten Zooms und einnehmenden Close-ups zusammengeschweißt und schließlich in den Schlund der Stadt entlassen. Rastlos hasten sie dann durch das Labyrinth der Dunkelheit und hoffen, dass die Nacht bald ein Ende nimmt. Die drohende Gefahr des Morgengrauens kündigt immer noch von erlösenderer Aussicht als die düstere Hölle, die alle Unglücklichen aufgrund ihres eigenen Unvermögens gefangen hält. Ben und Josh Safdie schlittern mit ihrer Kamera an grauen Mauern entlang, verfangen sich im Draht der Zäune und setzen schließlich zum alles entscheidenden Hechtsprung an, um sich vor den Lichtern des Wagens zu retten, der um die Ecke kommt. Kontrolle bleibt dabei höchstens der Illusion überlassen.

Robert Pattinson gibt trotzdem nicht auf. Seine durchdringenden, stets hektisch suchenden Blicke avancieren zum Pulsschlag dieses urbanen Albtraums, der kein Ende nehmen will und schonungslos die Körper der Leidtragenden auseinandernimmt. Straßenlaternen reißen das schwarze Nichts auf – allerdings nur so weit, dass der Anblick dem brodelnden Grauen nicht mehr abgewendet werden kann, wenngleich der Riss zu klein ist, um es in Gänze zu erfassen und somit zu entkräften, zu bewältigen und zu überwinden. Das Chaos lässt sich als großer, unberechenbaren Gegenspieler ausmachen, auf dieser Odyssee durch anonyme Krankenhäuser, kaputte Wohnräume und verlorene Freizeitparks. Die letzte Berührung von Körper und Straße in diesem Film wird für immer nachhallen.

Good Time © Temperclayfilm/Ascot Elite

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.