Harry Potter and the Chamber of Secrets – Kritik

Harry Potter and the Chamber of Secrets

Wie lässt er sich wiederholen, der Moment des Staunens, wenn Harry (Daniel Radcliffe), Hermine (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint) zum ersten Mal in kleinen, unscheinbaren Booten den großen See überqueren, während die Kamera in einer beispiellos erhabenen Bewegung das riesige Hogwarts-Schloss in seiner geheimnisvollen Pracht offenbart? Harry Potter and the Philosopher’s Stone profitierte unheimlich von diesen faszinierenden Übergängen, die uns den Eintritt in J.K. Rowlings magische Welt ermöglichten. Der erste Harry Potter-Film überwindet steinerne Mauern in trostlosen Hinterhöhen, geht durch eindrucksvolle Bilder an der Wand und verliert sich sogar im Reiz des Verbotenen, wenn eine Falltür den zuvor sorgfältig eingeführten Ort um ein gänzlich ungeahntes Areal filmischer Räume erweitert. An den letzten Übergang schließt Harry Potter and the Chamber of Secrets mit bedrohlicher Stimmung an: Denn Harrys neues Zuhause, in dem er zum ersten Mal in seinem Leben ein Gefühl von Geborgenheit verspürte, wird von einem düsteren, unsichtbaren Geist aus der Vergangenheit heimgesucht.

Das Staunen verwandelt sich somit in pure Gänsehaut ob der ungewissen Dinge, die im Verborgenen schlummern und die Hogwarts-Schüler durch die Gänge verfolgen. Die Treppen im großen Turm bewegen sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit und besiegeln damit die herrschende Unsicherheit. Wurden die Entdeckungen im ersten Teil von der Neugier und Abenteuerlust eines Freiheitsschlags angetrieben, brodelt das Böse nun tief im Inneren der außergewöhnlichen Schuleinrichtung und verschlingt alles in kalter, nasser Dunkelheit. Der Ausnahmezustand offeriert bereits eine erste Kostprobe der apokalyptischen Zustände, wie sie nach Voldemorts Rückkehr das Harry Potter-Universum dominieren sollen. Die Gefahr ist allgegenwärtig und lässt sich trotzdem nicht greifen. Plötzlich wird in fremden Zungen gesprochen und mit Blut geschriebene Worte erwachen durch das lodernde Licht auf dem Jahrhundert alten Stein zum Leben, der entgegen seiner unerschütterlichen Beständigkeit zu bröckeln beginnt. Selbst ein unberechenbarer Klatscher multipliziert seine zerstörerisch Wucht, sodass Holz zersplittert und Knochen zerbrechen.

Chris Columbus, der zusammen mit Drehbuchautor Steve Kloves auch bei Harry Potter and the Chamber of Secrets zurückkehrte, mag weiterhin nicht der mutigste unter den Harry Potter-Regisseuren sein, seine Aufmerksamkeit, mit der er langsam die Ankunft des dunklen Lords vorbereitet, ist dennoch bemerkenswert. Die Hand, die eben noch versteinert wirkte, greift mit tödlicher Entschlossenheit zu, während das Lebendige seiner Lebenslust entsagt und ohnmächtig wie regungslos im Krankenflügel auf ein baldiges Ende dieses fiebrigen Albtraums hofft, der uns – sprichwörtlich – in eine Kammer des Schreckens entführt. Lügen und Misstrauen verwandeln Hogwarts sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart in einen unheilvollen Ort voller verräterischer Gestalten, die mit Identitäten spielen, Interessen ausnutzen und mit Ideen handeln. Nur Phoenix-Tränen können die aufgerissen Wunden heilen, begleitet von der unvergleichlichen Versöhnlichkeit, mit der John Williams die bestehende Filmmusik erweitert und Klangwelten schafft, die tanzend zwischen Geborgenheit und Unsicherheit balancieren.

Lauter, größer, schneller: Diesen Gesetzen folgt Harry Potter and the Chamber of Secrets als Fortsetzung natürlich, wenngleich der Film auch unheimlich viel Spaß hat, ikonische Momente zu verdrehen. Die Ankunft in Hogwarts ist dieses Mal etwa aller Erhabenheit beraubt, denn der fliegende Ford Anglia, mit dem sich Harry und Ron aus der Not heraus auf den Weg zur Zauberschule machen, wird gleich im Zuge der Landung von einem aufgebrachten Baum in seine Einzelteile zerlegt. Dann setzt das gefürchtete Strafprotokoll ein und der erste Punktabzug droht, bevor das neue Schuljahr überhaupt begonnen hat. Am Ende dieses Schuljahres wird aber niemand mehr über Punkte reden, da Vertrauensbrüche deutlich erschreckendere Abgründe in den eigenen Reihe zutage gefördert haben, angefangen bei einem schmuddeligen Tagebuch, das mit einer beiläufigen Geste in eine unschuldige Tasche geschoben wird, bis hin zur verführerischen Schrift auf dem Pergament, die ausschließlich das Verdorbene in der Erinnerung entdeckt, bevor das todbringende Monster in ultimativer Ausführung vor unseren Augen entfesselt wird.

Die Monster in Harry Potter and the Chamber of Secrets treten jedoch nicht bloß in Form einer überlebensgroßen Schlange auf, die durch ein unterirdisches Labyrinth rast und dabei Hogwarts in seinen Grundfesten erschüttert. Die Monster finden sich auch im Graben zwischen Schülern und Lehrerkollegium wieder. Die Welt der Erwachsenen ist so befremdlich wie nie zuvor. Der einseitigen Boshaftigkeit der Dursleys, die erst später das komplette Ausmaß ihres zugrundeliegenden Traumas offenbaren sollte, weicht vielen unterschiedlichen Parteien, die um Harrys Aufmerksamkeit feilschen und versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen. Und trotzdem wahrt Chris Columbus den Geist der Selbstlosigkeit und findet am Ende dieses zweiten Abenteuers Freudentränen beim Wiedersehen, gesäumt vom ekstatischen Klatschen, das den zersplitterten Ort im Herzen der großen Halle wieder zusammenführt. Wie eine Eule entfernt sich dann die Kamera von der Geschichte und kreist ein letztes Mal um das Hogwarts-Schloss, vielleicht sogar wissend, dass beim nächsten Mal die Treppen noch eifriger die Richtung ändern werden.

Harry Potter and the Chamber of Secrets © Warner Bros.