Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 – Kritik

Harry Potter and the Deathly Hallows - Part 2

Zwei Gräber stellen den Ausgangspunkt von Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 dar. Im ersten liegt Dobby, ein freier Elf, der von seinen Freunden begraben wurde, ohne Magie, sondern mit Schweiß und Blut. Das zweite Grab beherbergt den einstigen Schulleiter von Hogwarts und wurde soeben von seinem größten Widersacher aufgebrochen: Lord Voldemort (Ralph Fiennes) entwendet Dumbledore (Michael Gambeon) postum den Elderstab und hält somit eines der drei Heiligtümer des Todes in seinen Händen. Ein Blitz jagt durch die Finsternis, als würde er die Harry Potter-Welt auf das nahende Ende vorbereiten. Doch die schwierigste Prüfung steht noch bevor. Nach einem Film der Entfremdung befinden sich Harry (Daniel Radcliffe), Hermine (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint) weiterhin auf der Suche nach den Horkruxen, um den Dunklen Lord zu besiegen. Was dafür alles geopfert werden muss, soll sich erst im Fortgang des packenden Finales offenbaren, das neben spektakulären Bildern somit auch einen angemessenen Abschluss auf emotionaler Ebene findet. In 130 Minuten entlädt sich alles, was sich über den Lauf von sieben Filmen angestaut hat. Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 ist in jeder Hinsicht ein überwältigendes Ereignis.

Bei einer Reihe dieser Größenordnung ist es alles andere als selbstverständlich, dass bis zum Ende alles so gut funktioniert wie im Fall von Harry Potter. Mehrere Regiewechsel und anderweitige Veränderungen vor und hinter der Kamera wurden stets als Bereicherung und Möglichkeit wahrgenommen, anstelle frustriert über den Verlust des Alten zu klagen. Immer wieder erfand sich Harry’s Wondrous World neu – und ist damit so magisch und aufregend wie kaum ein anderes gegenwärtiges Franchise. Fußend auf J.K. Rowlings Vorlage ziehen Regisseur David Yates und Drehbuchautor Steven Kloves bei Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 noch einmal alle Register ihres Können und kehren an jenen Ort zurück, wo alles angefangen hat. Nachdem der Vorgänger zuletzt in einem apokalyptischen Niemandsland zwischen unendlicher Trostlosigkeit und Schönheit der Sterblichkeit ins Antlitz blickte, arbeitet das abschließende Kapitel beständig auf die Rückkehr nach Hogwarts hin.  Nach einem verspielten wie actionreichen Zwischenstopp in den Verließen von Gringotts durchbricht die Rückkehr schließlich der vertrauten Musik von John Williams die düstere Stimmung, ehe Alexandre Desplat das nachfolgende Geschehen mit epischen wie mitreißenden Melodien untermalt.

Plötzlich erfüllt eine gewisse Wärme die grauen Mauern, die sich unter Snape (Alan Rickman) als Schulleiter in einen kühlen Ort der Unterdrückung verwandelt haben. Doch das Zauberschloss wird nicht müde, seine Treppen die Richtung wechseln zu lassen und enthüllt selbst dann noch Geheimnisse, wenn die Schutzzauber verblassen und der Stein zu bröckeln beginnt. Der magischste aller Harry Potter-Orte muss eingerissen werden, damit das Böse endlich besiegt werden kann. Der Einsatz ist hoch. Es entsteht ein Schlachtfeld sondergleichen, auf dem Erinnerungen an jedes vorherige Schuljahr zu neuem Leben erwachen, mal als tödliche Bedrohung in Form von Trollen, Spinnen und Dementoren, mal als rettender Gegenstand wie etwa der Sprechende Hut und das Schwert von Gryffindor. Im Raum der Wünsche wühlt sich Harry sprichwörtlich durch die eigene Schulzeit und beschreitet somit den Kampf gegen die Vergangenheit, die in diesen finalen Minuten so präsent ist wie nie zuvor. J.K. Rowling vermochte bereits in den Büchern die Harry Potter-Mythologie bis zum Schluss mit unglaublichem Gespür und Geschick auszubauen. Steven Kloves vereinfacht freilich gewisse Zusammenhänge und Konflikte. Im entscheidenden Moment trifft seine Feder jedoch genauso präzise ins Herz der Figuren und Geschichte.

Die aufwühlende Enthüllung von Snapes wahren Motiven steht für das wohl überlgte Drehbuch, das auch außerhalb der prädestinierten Passagen mit unerwartet einnehmenden Momenten auffällt. Generell überzeugt die Struktur der großen Schlacht, die das richtige Maß aus Überwältigung und Abwechslung mit sich bringt. Entgegen der Gefahr, sich als aufwendiger Fantasy-Blockbuster ausschließlich im Spektakel zu verlieren, kehrt Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 regelmäßig zu den stillen Tönen von Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 1 zurück, der sich vorzugsweise an verlassene Orte flüchtete und mit überraschenden Blickwinkeln begeisterte. Zwar dringt Nick Caves Stimme dieses Mal nicht aus dem Radio. Dafür sind es die vielen Nebenfiguren, die alle ihren Weg ins Finale finden und sich auf berührende Weise verabschieden. Abseits der üblichen Verdächtigen tauchen mit Zauberstabexperte Ollivander (John Hurt) und Kobold Griphook (Warwick Davis) gleich zu Beginn zwei interessante Weggefährten wieder, die direkt den Bogen zu Harry Potter and the Philosopher’s Stone schlagen, für nostalgische Erinnerungen allerdings nicht viel übrighaben. Stattdessen stellen sie mit ihren Handlungen die einst so unschuldige Magie infrage und zeugen von ungeheurer Ambivalenz.

Ollivanders leuchtende Augen, mit denen er Harry vor sieben Jahren in der Winkelgasse seinen Zauberstab überreichte, sind alt und müde geworden. Verloren sitzt er in der Ecke und weiß um die Bürde seines Wissens, seiner Erfahrung. Griphook verbündet sich derweil nur mit dem Meistbietenden, der Auseinandersetzung mit dem Dunklen Lord entkommt er trotzdem nicht. Zwei tragische Gestalten am Wegesrand, während im Hintergrund die Vereinbarkeit von Zweck und Freundschaft in solch schwierigen Zeiten diskutiert wird. Zu dieser Diskussion gehört weiterhin auch Dumbledore, der ein letztes Mal mit der Bedeutung von Worten spielt und damit gleichermaßen ein rätselhaftes wie forderndes Monument aus bruchstückhaften Anweisungen und Beobachtungen hinterlässt, die selbst nur Teil eines Prozesses sind. Doch was ist der Preis dafür, sich der größeren Sache hinzugeben? Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 findet erschütternde wie konsequente Antworten auf diese Frage, die von David Yates auf bildlicher Ebene eindrucksvoll gespiegelt werden. Neben den unbeschreiblichen Opfern entdecken seine Bilder auch etwas ungemein Hoffnungsvolles. Am Ende stehen Harry, Hermine und Ron auf der Brücke, die zu den Toren von Hogwarts führt. Gemeinsam.

Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 2 © Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.