Harry Potter and the Half-Blood Prince – Kritik

Harry Potter and the Half-Blood Prince

Blitzlichter. Nach all den magischen Kamerafahrten, die bisher die Harry Potter-Filme eröffneten, gestaltet sich der Einstieg in Harry Potter and the Half-Blood Prince als einer der verblüffendsten. Mit David Yates kehrt zum ersten Mal seit Chris Columbus ein Regisseur zur Reihe zurück und beweist in atemberaubenden Aufnahmen, dass er den Schmerz des Vorgängers nicht vergessen hat. Harry (Daniel Radcliffe) und Dumbledore (Michael Gambon) stehen als Überlebende auf einem Schlachtfeld. Der Kampf hat nur wenige Minuten zuvor im Verborgenen stattgefunden und trotzdem die komplette Welt erschüttert. An die Stelle der tödlichen Zaubersprüche, die eben noch durch das Zaubereiministerium peitschten, treten die Blitzlichter der Fotografen, die alle Zeugen jener Rückkehr werden wollen, die zuvor vehement von oberster Stelle geleugnet wurde. Lord Voldemort (Ralph Fiennes) ist zurück und die Wolken am Himmel haben sich verdunkelt. Die Ausweglosigkeit der Situation wirkt sich geradezu betäubend auf den Film aus, sodass mit Harrys Erstarren auch die Farben aus dem Bild und die Geräusche im Hintergrund verschwinden. Dennoch reißt ihn Dumbledores schützende Geste aus den Blitzlichtern.

Nach einem Schuljahr, in dem sich der Schulleiter von Hogwarts mit kryptischen Andeutungen rar gemacht hat, entfesselt die Eröffnungssequenz von Harry Potter and the Half-Blood Prince eine umso mitreißendere Wucht. Zwar mag Dumbledores Geste auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Für das Unscheinbare hat David Yates jedoch ein außergewöhnliche Gespür entwickelt. So nutzt er etwa eine Randnotiz aus J.K. Rowlings Buchvorlage, um gleichermaßen spektakulär wie effektiv den Kriegszustand aus den unterirdischen Hallen in die Öffentlichkeit zu tragen, mitten ins Herz der Muggelwelt. Durch Londons Straßen jagen die Todesser und hinterlassen eine Schneise der Verwüstung. Die Millennium Bridge wird zum Einsturz gebracht, ehe in der Winkelgasse mit Ollivanders eine jahrhundertealte Institution der Zaubererwelt der willkürlichen Zerstörung zum Opfer fällt. Nur die Weasley-Zwillinge wissen der anhaltenden Düsternis zu trotzen. Ihr unverbesserlicher Eigensinn, mit der sie zuletzt Dolores Umbridge (Imelda Staunton) in Harry Potter and the Order of the Phoenix geschlagen haben, bringt Licht und Wärme an einen Ort, der sich in die Vergangenheit zu verabschieden droht. 

David Yates und Steven Kloves, der nach einem Film Pause mit dem sechsten Teil wieder als Drehbuchautor ins Harry Potter-Universum zurückkehrt, erinnern sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte an dieses Licht und diese Wärme. Entgegen des niederschmetternden, bedrückenden Tonfalls, den Harry Potter and the Half-Blood Prince über weite Strecken anschlägt, erzählt der Film ebenfalls von vielen kleinen aufregenden Episoden, die Hogwarts der erlebten Entfremdung zum Trotz als Ort von Freundschaft und Zusammenhalt bestätigen. Verspielt schlängelt sich die Handlung durch ein Labyrinth gebrochener Herzen, das Erinnerungen an den Weihnachtsball aus Harry Potter and the Goblet of Fire weckt und für viele tolle Charaktermomente verantwortlich ist, die sich mit hinreißendem Feingefühl gegen Klischees und Stereotypen behaupten. Die dadurch aufblitzende Menschlichkeit ist wichtiger als je zuvor, denn nie waren die Mauern der Zauberschule so präsent wie in Harry Potter and the Half-Blood Prinz. Beschützen sollen sie die Schüler vor der Gefahr, die da lauert. Gleichzeitig wirken sie einengend und nehmen jegliche Luft zum atmen. Wer nicht aufpasst, verliert sich zwischen den dicken Wänden.

Harry und Draco (Tom Felton) verschwinden abwechselnd im Schatten des kalten Steins, während sie sich gegenseitig verfolgen und in der Finsternis verstecken. David Yates isoliert seine Figuren in poetischen Bildern, die selbst nach einer humorvollen Passage der Glückseligkeit innerhalb weniger Sekunden die tragische, zerreißende Einsamkeit eines düsteren Korridors heraufbeschwören können. Kameramann Bruno Delbonnel erweist sich folglich als größte Bereicherung von Harry Potter and the Half-Blood Prince. Den intensiven Farben des Vorgängers entgegnet er mit verträumten Weichzeichner und einer faszinierenden Kühle, die Hogwarts genauso im Nebel versinken lässt, wie sie in absoluter Dunkelheit von einem unbändigen Feuerinferno durchbrochen wird. Als verlängerter Arm dieser wunderschönen, feinen Bilder, die sowohl ein Gefühl für die Intimität als auch die Größe der Geschehnisse transportieren, dient Nicholas Hooper, dessen Musik in ihren besten Momenten die Unendlichkeit von Trauer und Leid in packende Melodien verwandelt, ohne den heimlichen Hoffnungsschimmer zu vergessen, der sich sogar im Angesicht der größten Niederlage gegen die schwerfälligen Streicher durchsetzt.

Mitunter verzichtet David Yates aber auch bewusst auf die Verwendung der Musik, die der Harry Potter-Welt für gewöhnlich ihre Magie verleiht. Dann herrscht plötzlich eine unerträgliche Stille in der Großen Halle, jenem Ort, an dem der Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind. Der Reichtum an leckeren Speisen und Getränken ist jedoch verblasst, das aufgeregte Tuscheln der Schüler vom angsterfüllten Schweigen erdrückt. Wieder tauchen sie auf, die Erinnerungen an das vierte Schuljahr, dieses Mal allerdings nicht in Form des Weihnachtsballs, sondern der klaren, schmerzenden Worte, mit denen Dumbledore Cedrics (Robert Pattinson) Tod und die Rückkehr des Dunklen Lords adressierte. Am Ende von Harry Potter and the Half-Blood Prince wird der sorgende Schulleiter nicht mehr da sein, um den ratlosen Gesichtern Hoffnung zu schenken. Stattdessen breitet sich ein großer Graben aus, der auf bildlicher Ebene am deutlichsten wird, wenn sich Harry und Snape (Alan Rickman) in einer ungeheuerlichen Totalen zwischen Enttäuschung, Hass und Wut gegenüberstehen. Nach all dem, was gefordert und anvertraut wurde, gibt es niemanden mehr, dem Harry noch vertrauen kann … außer Hermine (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint).

Harry Potter and the Half-Blood Prince © Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.