Harry Potter and the Prisoner of Azkaban – Kritik

Harry Potter and the Prisoner of Azkaban

Wo einst das Licht im Ligusterweg verschwand, als ein Zauberer des Nachts die Straße betrat, glüht es in den ersten Minuten von Harry Potter and the Prisoner of Azkaban immer wieder auf, selbst wenn es vorerst nicht den Wänden von Harrys (Daniel Radcliffe) Zimmer bei den Dursleys entkommen kann. Onkel Vernon (Richard Griffiths) stapft mehrmals energisch in den Raum, da er den nächsten Streich seines ungeliebten Neffen erwartet, doch dieser stellt sich rechtzeitig schlafend, wie auch später, wenn er auf dem Boden der großen Halle in Hogwarts liegt und Dumbledore (Michael Gambon) ihm die unbegrenzte Möglichkeit im Reich der Träume zuspricht: Vielleicht durchschwimmt Harry gerade den tiefsten Ozean oder gleitet über die höchste Wolke. Träumen kann Harry in diesem Moment vermutlich aber kaum, denn einmal mehr wird die Zauberschule von einer großen Gefahr heimgesucht. Dafür hat es sich aber Regisseur Alfonso Cuarón, der in die Fußstapfen von Chris Columbus tritt, zur Aufgabe gemacht, das Träumen für seinen jungen Protagonisten zu übernehmen, denn sein Film steckt voller Magie und verblüffender Momente, die uns wahrlich in den tiefsten Ozean und auf die höchste Wolke entführen.

Nachdem Harry Potter and the Philosopher’s Stone und Harry Potter and the Chamber of Secrets das Hogwarts-Schloss in all seinen faszinierenden Eigenheiten vorgestellt und in verborgene Gänge und Wälder entführt haben, bringt Alfonso Cuarón eine weitere Idee mit, wie sich der zentrale Ort des Geschehens in Zukunft gestalten soll. Was auf der einen Seite im Hinblick auf das Franchise inkohärent wirken mag, bezeugt auf der anderen Seite viel mehr die fantastischen Elemente des Schauplatzes, der eins wird mit dem Fluss der Veränderung. Es sind nicht mehr nur die Treppen im großen Turm, die ihre Richtung ändern, sondern das gesamte Schloss befindet sich in Bewegung, eingefangen durch die famose Kameraführung von Michael Seresin und Alfonso Cuaróns meisterhafte Inszenierung, die an Eleganz und Raffinesse kaum zu übertreffen ist. Verließ sich Chris Columbus auf große, statische Aufnahmen, um das Unglaubliche in Bilder zu gießen, lässt sich Cuarón schlicht von der Magie mitreißen und testet die Grenzen der bewegten Bilder im Harry Potter-Universum aus. Die Verformung beginnt gleich im Auftakt, wenn der Lumos-Zauber aus seinem Decken-Gefängnis ausbrechen will und wird durch die spektakuläre Fahrt mit dem Fahrenden Ritter besiegelt, der sich zu jazzigen Tönen durch Londons Straßen schlängelt.

Die Harry Potter-Welt dehnt sich sprichwörtlich aus und zieht sich wieder zusammen, während alle Menschen in ihr wild herumgewirbelt werden. Schwindelerregend ist Harry Potter and the Prisoner of Azkaban im besten Sinne, denn nach zwei Abenteuern im Herzen von Hogwarts offenbart sich plötzlich ein ganzes Universum, dessen Geschichte mit erstaunlichen wie erschreckender Ereignissen aufwartet. Während sich heimlich ein Fenster zur Vergangenheit öffnet, stürzt sich Alfonso Cuarón durch Spiegel und Zeit, um das zu entdecken, was sich auf der anderen Seite versteckt. Steven Kloves, der erneut als Drehbuchautor zurückkehrt, baut dabei geschickt die Mythologie aus, verbindet spielerisch das Erzählen mit dem Erklären und begeistert im gleichen Atemzug mit einer beachtlicher Effizienz, mit der er Informationen verarbeitet. Selbst wenn sich ein Teil der Handlung wiederholt, bleibt der Film in keiner redundanten Sackgasse stecken, sondern bewegt sich mit mitreißender Geschwindigkeit nach vorne. Ehe sich Harry versieht, umkreisen ihn die Planeten und ein Licht strahlt so hell, wie es noch nie zuvor in einem Harry Potter-Film auf der großen Leinwand zu sehen war. Nicht einmal der Mond, der bedrohlich von den unberechenbaren Gefahren kündet, die tief im Inneren der Figuren schlummern, kann diesem Strahlen trotzen.

Ein bemerkenswertes Gespür für die Angst und dafür, wie sie zum Ausdruck kommt, besitzt Harry Potter and the Prisoner of Azkaban ebenfalls. Am deutlichsten in Form der Dementoren, die binnen weniger Minuten alles Blühende erfrieren lassen, während selbst die strahlend roten Farben des Hogwarts-Express einem diesigen, unheimlichen Nebel weichen müssen. Angsteinflößend sind diese finsteren Kreaturen, die nicht zwischen dem unterschieden, den sie jagen und der sich ihnen in den Weg stellt. Sie schleichen durch die Nacht, bringen die Kälte des Todes mit sich und saugen mit unerschütterlicher Gewissheit die Seele aus allem Leben. Der Schatten der Angst zieht sich aber noch weiter durch den dritten Harry Potter-Film. Einem roten Faden gleichend verbündet er sich mit dem Motiv von Zeit und Verwandlung. Voldemorts Namen wird weiterhin nicht ausgesprochen, während sich in Sirius Black (Gary Oldman) mehr Zwischentöne von Gut und Böse versammeln, als auf der Schwarz-Weiß-Fotografie zu erahnen ist, die drohend in jeder Zeitung prangert und schlussendlich dafür verantwortlich ist, dass die Tore von Hogwarts verriegelt werden. Nur ein unscheinbares Stück Pergament kann durch die Barrikaden führen und – in den falschen Händen – zum tödlichen Werkzeug werden.

In der Heulenden Hütte laufen schließlich all diese Motive im eisigen Winter zwischen knarzenden Brettern und vernagelten Fenstern zusammen. Windschief steht das Produkt der Angst jenseits der belebten Orte. Im am stärksten von Spuk heimgesuchten Gebäude Englands geht der Grusel in das Leid über und Harry Potter and the Prisoner of Azkaban setzt die kryptischen Puzzleteile aus der Vergangenheit auf dermaßen tragische Weise zusammen, dass einem Atem der stockt. Dann lässt Alonso Cuarón sein Finale gleich ein zweites Mal ablaufen und liefert damit strukturell nicht bloß den spannendsten Harry Potter-Film ab, sondern auch jenen der seine Form mit der Geschichte am fabelhaftesten verschmelzen lässt. Die Wiederholung und Veränderung befinden sich in diesen nervenaufreibenden Minuten im direkten Konkurrenzkampf, während sie von John Williams’ nachdenklichen wie mitreißenden Kompositionen vereint werden. Ein letztes Mal untermalt der Maestro Harrys wunderbare Welt mit seinen Melodien und fängt die emotionaler Tragweite aller aufgerissenen Sehnsüchte und Ängste dieses dritten Schuljahres ein. Begeistert verliert er sich im Magischen und findet schließlich den perfekten Pulsschlag, wenn dieser Film völlig losgelöst mit rasender Bewegung und unendlichem Glück durch die Lüfte stürmt.

Harry Potter and the Prisoner of Azkaban © Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.