If Beale Street Could Talk – Kritik

Am Anfang ist nichts zu vernehmen, von dem unterdrückenden, polternden System, das den Figuren in If Beale Street Could Talk zum Verhängnis wird. Barry Jenkins entführt in den ersten Minuten seiner Adaption von James Baldwins gleichnamigen Roman in ein Harlem, das von hellem Licht durchflutet ist. Der raue Alltag weicht für einen unbeschwerten Augenblick zur Seite und offenbart uns einen Blick ins Paradies. Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) spazieren durch den Garten Eden, begleitet von einer überaus eleganten Kamerabewegung. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit breitet sich aus, während sie sich mit den Farben ihrer Kleidung umarmen. Was in Tishs Herzen vor sich geht, wird von Fonny umhüllt und andersrum. Auf einmal sind da nur noch die Gesichter zweier Menschen, die sich lieben.

Wie schon in Moonlight besitzt Barry Jenkins ein unglaubliches Gespür für das Unmittelbare und die unerwartete Schönheit zwischen den Zeilen. James Baldwins Worte und Geschichten hat er genau studiert, um sie nun in Form bewegter – und bewegender – Bilder auf die große Leinwand zu bringen. Seine Interpretation von If Beale Street Could Talk weiß um das Gewicht der Vorlage und dennoch entfalten sich die Szenen mit erhabener Leichtigkeit. Am liebsten würde er Tish und Fonny nur beobachten, wie sie durch die Straßen Harlems laufen, während die Sonne langsam untergeht und ein Freudenschrei von dem Leben kündet, das hätte sein können. Unbesiegbar wirken die Liebenden in ihrer ausgelassenen Freude für einen intimen Moment der Unendlichkeit, der aber ebenso vom Schmerz des Zerbrochenen berichtet.

Die erschütternde Brutalität, die der Vorlage in ihren niederschmetterndsten Passagen innewohnt, blitzt auch in der Verfilmung regelmäßig durch, insbesondre in der zweiten Hälfte, wenn sich der Konflikt um die Vergewaltigungsanschuldigungen zuspitzt, die Fonny ins Gefängnis gebracht haben. Tish sitzt derweil auf der anderen Seite der zerkratzten Scheibe, klammert sich an den Hörer und berichtet mit Tränen in den Augen von dem gemeinsamen Kind, das die beiden erwarten. Wie versteinert bleibt die James Laxtons Kamera wieder in den Gesichtern hängen, die von Leid und Ungerechtigkeit künden. Entgegen der Ruhe, mit der sich Barry Jenkins ihrem Schicksal nähert, werden Tish und Fonny vom Amerika der 1970er Jahre verschlungen und wieder ausgespuckt, ganz zu schweigen von den feindseligen Blicken, mit denen sie der offen ausgelebte Rassismus straft.

Gerade aufgrund dieser feindseligen Blicke ist es umso wichtiger, dass sich Barry Jenkins in den Gesichtern verliert, die der Hässlichkeit der Welt entsagen und versöhnlich aufeinander zugehen. If Beale Street Could Talk bezeugt immer wieder den Moment des Entstehens, wenn sich eine Vorstellung von Zukunft formt und Wünsche ausgesprochen werden. Dazwischen entdeckt Barry Jenkins in der Zerrissenheit seiner Protagonisten unerfüllte Träume und einen mitreißenden Drang zum Romantischen, stets verbunden mit der aufwühlenden Wut, die im Verborgenen kocht und niemals ausgesprochen werden kann. Die Figuren müssen sich zusammenreißen, um in jenem Umfeld zu überleben, das sie mit Füßen tritt. Widerworte sind unerwünscht, mitunter sogar im Kreis der erweiterten Familie, die misstrauisch um den eigenen Stand fürchtet.

Wie komplex die Vorurteile sind, wie systematisch die Diskriminierung zuschlägt und wie unfassbar schwer es ist, jemanden vom Guten im Menschen zu überzeugen, davon erzählt Barry Jenkins in melancholischen wie wunderschönen Bildern. Niemals verlieren diese den Glauben, dass sich Harlem eines Tages in einen paradiesischen Ort verwandelt, der frei ist von Angst und Elend. Trotzdem legen sich die Streicher von Nicholas Britell zuerst schwermütig unter die Bilder und beschreiben damit ein erdrückendes Gefühl von Ohnmacht. Doch dann tauchen sie auf, lebendige, aufregende, verspielte Melodien, die sich nicht bändigen lassen, sondern geradezu vor Neugier übersprudeln. Eingebettet in eine jazzige Grundstimmung wagt es If Beale Street Could Talk daraufhin, zu träumen und zu tanzen, manchmal will die Kamera gar nicht mehr aufhören, sich zu drehen.

Die Bewegung ist eine ansteckende. Alle Niederlagen können Tish und Fonny nicht auseinanderreißen. Der Film bringt sie unermüdlich wieder zusammen und ist überzeugt davon, dass sich die Veränderung im Übergang zur nächsten Generation verbirgt. Von dieser Hoffnung lässt sich auch Barry Jenkins anstecken, ähnlich wie er im dritten Kapitel von Moonlight den Dialog gesucht hat, der zuvor aus den verschiedensten Gründen nie zustande kam. Wo bei James Baldwin ein gewisser Frust in den letzten Atemzügen seiner tragischen Liebesgeschichte dominiert, richtet Barry Jenkins seinen Blick nach vorne in eine Zukunft, in der die Familie gemeinsam an einem Tisch sitzen und essen kann. Denn Eden existiert an den unwahrscheinlichsten Orten, entscheidend sind nur die Menschen und was sie aus diesen machen.

If Beale Street Could Talk © DCM