John Wick: Chapter 3 – Parabellum – Kritik

John Wick: Chapter 3 - Parabellum

Die Sonne ist längst untergegangen. New York erstrahlt in vibrierenden Lichtern, die sich auf dem nassen Asphalt und den Fensterscheiben der unzähligen Taxis in den Straßen spiegeln. Durch dieses Meer aus pulsierenden Eindrücken rennt ein Mann, durchnässt von Schweiß, Regen und seinem eigenen Blut. Keine ganze Stunde bleibt John Wick (Kenau Reeves) mehr, um seine Haut zu retten. In dem Moment, als er in einem Continental-Hotel auf den Abzug drückte, hat er die Regeln gebrochen. Nun ist ihm jeder Auftragskiller in der Stadt dem Excommunicado auf den Fersen. John Wick: Chapter 3 – Parabellum schließt unmittelbar an das Ende seines Vorgängers an – und überwältigt mit einer atemlosen Verfolgungsjagd, die bis in die Wüste von Marokko führt.

Die Atemlosigkeit, die den Einstieg in die Fortsetzung dominiert, ist sagenhaft. Regisseur Chad Stahelski folgt jedem Schritt und Tritt seiner Hauptfigur und kann es gar nicht erwarten, diese mit den Körpern der Widersacher kollidieren zu lassen, während er gleichzeitig die Mythologie der Reihe mit vielen kleinen, beiläufig ins Bild geschleusten Gesten erweitert. John Wick rennt nicht einfach nur durch eines dieser New Yorks, das aus obligatorische Establishing Shots besteht. Nein, sein New York wird durchdrungen von Farben und Geräuschen, die stets ein schlummerndes Ungeheuer in den Häuserschluchten erahnen lässt. Diese Stadt ist lebendig und offenbart sich je nach Situation als Schlachtfeld oder als Heimathafen.

Dann erfolgt ein letzter Blick auf die Uhr: Ab jetzt wird mit scharfer Munition geschossen, auch wenn sich John Wick: Chapter 3 – Parabellum vorerst in anderen Disziplinen ausprobiert. Ein Buch als tödliche Nahkampfwaffen legt gleich den ultrabrutalen Tonfall des Films fest, beweist aber auch, dass es hier nicht bloß um das exploitative Element der Action geht. Einmal mehr haben sich Chad Stahelski und sein Team furiose, einfallsreiche Sequenzen ausgedacht, die allesamt ihre eigene Identität, ihren eignen Rhythmus besitzen. Zuerst werden die Orte eingeführt und vorgestellt, ehe sie im Anschluss von den Kämpfenden in ihre Einzelteile zerlegt werden. Was John Wick mit seinen Gegenspielern anrichtet, gleicht einem famos choreographierten Tanz – und das stets in außerordentlich illuminierten Räumen.

Chad Stahelski provoziert den Vergleich zwischen Kampf und Tanz schließlich direkt, wenn im Rahmen einer sorgfältig eingefädelten Montage die Action mit den Proben einer Ballettaufführung verschmelzen. Auch darüber hinaus findet John Wick: Chapter 3 – Parabellum viele dieser hemmungslos in Symbolik aufgeladenen Bilder, angefangen bei Spiegel- bis hin zu Glasflächen, die im Finale trotz ihrer gegebenen Transparenz zerstört werden müssen, um den Durchblick zu erhalten. Auf einmal verschmilzt die obere Seite des Tisches mit der unteren, der stellvertretend für das Machtgefüge in der John Wick-Welt steht. Diesem Tisch müssen sich alle Teilnehmer des Überlebenskampfes unterordnen. Die Professionals folgen einem Kodex, der absoluten Gehorsam erfordert, ansonsten drohen bittere Konsequenzen.

Da der Regelbruch kürzlich eingetroffen ist, sind es die Konsequenzen, die das Geschehen in John Wick: Chapter 3 – Parabellum bestimmen. Wer den Krieg vorbereitet, der muss sich auf die Folgen der blutigen Auseinandersetzung gefasst machen – und so gestaltet sich der nachfolgende Film als Balanceakt zwischen den Traditionen, die es zu ehren gilt, und dem Umbruch, der unmittelbar bevorsteht. Es ist faszinierend, wie dieses Filmuniversum tickt, ja, sprichwörtlich tickt in Form einer Uhr. Der Countdown, der in John Wicks Exkommunizierung mündet, steht für Routine. Es geht ausschließlich darum, das Protokoll zu wahren. Gleichzeitig triggert er eine Verkettung von Ereignissen, die sich nicht wieder rückgängig machen lässt. Was bleibt, ist ein Leichenberg, der mit jeder weiteren Minute höher wird.

Wer sich an diesem Punkt an den Startschuss der Reihe erinnert, dem bleibt nichts anderes übrig, als mit den Kopf zu schütteln. Die kaltblütige Ermordung eines Hundes trieb den ehemaligen Auftrakgskiller John Wick nicht nur aus dem Ruhestand zurück, sondern fungiert inzwischen als Grundstein eines Franchise, das drei Filme umfasst, während sich eine Spin-off-Serie und das nächste Sequel schon in Planung befinden. Aus einer unüberlegten Handlung ist eine ganze Bewegung entstanden. Im Film stellt diese sogar eine jahrhundertealte Institution infrage. Im Fall von John Wick: Chapter 3 – Parabellum offenbart sich der Wille zur Expansion jedoch nicht nur als bemerkenswertes, sondern auch als gefährliches Unterfangen.  Vorerst überwiegt allerdings die Begeisterung, wie hingebungsvoll die Fortsetzung mit ihren thematischen Motiven jongliert.

Könige werden gestürzt, Festungen verteidigt und die Hohen Priester ihrer Lügen entlarvt. Um dieses Kriegstreiben zu fassen und zu begründen, legt John Wick: Chapter 3 – Parabellum mehrmals eine Pause ein, denn die verschiedenen Konflikte und Machtkämpfe wollen alle erklärt werden. Sobald Keanu Reeves Auftragskiller jedoch nach Casablanca flüchtet, verirrt sich der Film in den Untiefen der eigenen Mythologie, sodass der Fokus der beiden vorherigen Teilen verlorengeht. Dann stolpert John Wick nicht aufgrund der Messerstiche, Faustschläge und Streifschüsse, die ihn erwischt haben, sondern aufgrund des Drehbuchs, das zwar sehr viel Lust am Entdecken versprüht, mit der Eleganz eines Kugel-Ballets aber nicht mithalten kann.

Die Actionszenen in John Wick: Chapter 3 – Parabellum gehören zu den eindrücklichsten und härtesten, die es in den vergangenen Jahren auf der großen Leinwand zu sehen gab. Die Vorbereitung ist dabei genauso wichtig wie die Durchführung – und mit Keanu Reeves hat die Reihe einen Hauptdarsteller gefunden, der einen solch wuchtigen Film überzeugend auf seinen Schultern tragen kann. Nicht einmal beim Nachladen seiner Waffe besteht ein Zweifel daran, dass er sich wirklich in die darauffolgende Neon-Schlacht stürzt. Nach wie vor erstaunlich: Wie Keanu Reeves trotz aller Gewalt mit seinem Schauspiel auch von der tragischen Seite der Geschichte erzählt. Worte benötig er dafür nur bedingt. Seine Mimik und Gestik reichen aus, um ein Gespür dafür zu bekommen, was der Preis für den ausufernden Rachefeldzug ist.

Maximale Überzeugungsarbeit leistet auch das Sound Design, das selbst der unscheinbarsten Bewegung die Möglichkeit einräumt, eine kleine Geschichte zu erzählen. Das schürfende Geräusch der Schuldmünze, die immer wieder über jenen Tisch geschoben wird, unter dem in John Wick: Chapter 3 – Parabellum die Hölle ausbricht, gehört etwa zu diesen markanten Details, die sich mehr als jeder polternde Schuss ins Gedächtnis brennen. Und dann wäre da noch Halle Berry, die als bester Neuzugang in der Welt der Auftragskiller für einige Minuten den Film komplett an sich reißt. Danach ist John Wick wieder auf sich gestellt – und tritt als Legende, als Heiliger seinen Kontrahenten entgegen. Der Peak ist damit erreicht, im Guten wie im Schlechten. 

John Wick: Chapter 3 – Parabellum © Concorde