Long Shot – Kritik

Long Shot

Eigentlich dürfte Long Shot überhaupt nicht funktionieren, so wild werden hier verschiedene Dinge zusammengewürfelt, von denen für gewöhnlich keine Spur in einer Romcom zu entdecken ist. Während sich zwei Menschen ineinander verlieben, schleust das Drehbuch aus der Feder von Liz Hannah und Dan Sterling jede Menge politischen Subtext in die Geschichte. Internationale Krisen und eine unwahrscheinliche Liebe: Um diesen Film auf die große Leinwand zu bringen, tut es Regisseur Jonathan Levine dem Journalisten Fred Flarsky (Seth Rogen) gleich und stürzt sich – im übertragenen Sinne – Hals über Kopf aus dem Fenster, ohne einen Gedanken an die Landung auf dem harten Boden zu verschwenden. Denn nur so kann eine kostbare Idee beschützt werden.

Dieses Stürzen findet gleich mehrmals in Long Shot statt, vorzugsweise in Kombination mit Seth Rogens grober Physis. Sein Fred Flarsky vertritt als Journalist löbliche Ideale, kann diese allerdings nicht mehr ausleben, als die Zeitung, für die er arbeitet, von einem Medienmogul geschluckt wird, der für all das steht, was er mit seinen investigativen Berichten zu bekämpfen versucht. Durch diese Verstrickung unglücklicher Ereignisse trifft er nach langer Zeit seine Jugendliebe Charlotte Field (Charlize Theron) wieder, ihres Zeichens Freds ehemalige Babysitterin und inzwischen Außenministerin der Vereinigten Staaten von Amerika. Trotz der gemeinsamen Wurzeln könnten sich die beiden nicht gegensätzlicher entwickelt haben. Kaum streifen sich ihre Blicke aber, kommen die Gefühle zurück.

Ob es ihnen gelingen wird, entgegen aller Gegensätze zusammenzukommen – das ist der Long Shot der Geschichte, während sich das Konzept des Films selbst als ein solcher erweist. Gleichzeitig reden wir hier von einem Jonathan Levine-Film, also jenem Regisseur der vor fünf Jahren eine Liebesgeschichte mit Zombies erzählte und sich seitdem nach Herzenslust im Comedy-Bereich ausgetobt hat, angefangen bei The Night Before über Mike and Dave Need Wedding Dates bis hin zu Snatched. Der Erfolg war zwar nicht immer auf seiner Seite. Ausgerechnet mit Long Shot, dem wohl ambitioniertesten Projekt in dieser Reihe gerne über die Stränge schlagender Komödien, bringt er seinen stimmigsten Film seit 50/50 in die Kinos und überzeugt vor allem in den leisen Zwischentönen.

Unabhängig der zahlreichen, amüsanten Abschweifungen entpuppt sich Long Shot im Kern als astreine Romcom, die von (vermeintlicher) Unvereinbarkeit im Angesicht der großen Liebe erzählt – und nebenbei auf derben Humor und eben jene politischen Seitenhiebe setzt, die sich eher selten im erwähnten Genre einfinden. Die Mischung ist explosiv und zehrt von der Chemie, die zwischen Charlize Theron und Seth Rogen entsteht. Es ist herrlich, wie sich die beiden gegenseitig den Ball zuspielen und dabei Gräben überwinden, die eine ganze Nation teilen. Den Konventionen entkommen sie trotzdem nicht, aber das fällt nur bedingt ins Gewicht, da der Film seine Figuren ernst nimmt und in ihrem Hadern aufrichtige Momente zutage fördert.

Hier versteckt sich die überraschendste Facette von Long Shot: Der Film spult die Frage nach Integrität nicht nur als obligatorische Charakterentwicklung ab, sondern konfrontiert seine Figuren wirklich mit ihren Entscheidungen, die sie treffen müssen. Viel zu oft lösen sich entsprechende Probleme viel zu einfach in Wohlgefallen auf. Wenn Charlotte vor der Wahl steht, ihre Ideale zu verraten, um das nächsthöhere Ziel zu erreichen, fächert Long Shot dagegen ihre Möglichkeiten auf und verleiht dem Konflikt das notwendige Gewicht, um zu berühren. Plötzlich haben die massig vorhandenen Karikaturen keine Macht mehr, weil jemand differenziert, anstelle den bequemsten Weg zu wählen. Der Preis dafür ist ein weiterer Sturz auf den harten Boden. Doch er lohnt sich. 

Long Shot © Studiocanal