Midsommar – Kritik

Midsommar

Die ersten Bilder in Midsommar könnten kaum niederschmetternder sein, wenn die Studentin Dani (Florence Pugh) aufgrund eines traumatischen Ereignisses ihre gesamte Familie verliert. Innerhalb weniger Minuten schafft Regisseur und Drehbuchautor Ari Aster ein Gefühl absoluter Hoffnungslosigkeit. Selbst bei ihrem Freund, Christian (Jack Reynor), findet Dani keine Zuflucht, denn dieser ist mit seinem Kopf schon in Schweden, wo er zusammen mit ein paar Freunden in einer abgelegenen Gemeinde die Sommersonnenwende erleben will. Nur alle 90 Jahre wird hier eine Tradition namens Hårga gefeiert, über die bisher keine Aufzeichnungen existieren. Es gibt folglich viel zu entdecken – vor allem traumhafte Landschaften.

Das Gras ist saftig grün und der Himmel strahlt im kräftigen Blau: Geradezu unwirklich wirkt dieser unberührte Ort, was nicht zuletzt daran liegt, dass aufgrund der nicht untergehenden Sonne jegliches Gespür für Tag und Nacht verlorengeht. Und dann wäre da noch die überwältigende Herzlichkeit der dort lebenden Menschen – ein deutlicher Kontrast zum düsteren Einstieg in die Geschichte. Schon bald findet auch Dani ihren Gefallen an dieser wunderhaften Welt, in die sie sich wie Alice im Wunderland verirrt. Eine grundsätzliche Skepsis bewahrt sie sich trotzdem, ganz im Gegenteil zum Rest ihrer Gruppe, der sich gedankenlos in das Abenteuer stürzt. Es soll nicht lange dauern, bis die Schattenseiten der Idylle zum Vorschein kommen.

Ari Aster hegt kein Interesse, das bevorstehende Grauen zu verheimlichen. Seine pointierte, in Anbetracht der Situation mitunter humorvolle Inszenierung ist gespickt von beunruhigenden Hinweisen. So gestaltet sich die Atmosphäre von Midsommar stets als eine bedrohliche und setzt dabei vorzugsweise auf die Diskrepanz zu den leuchtenden Aufnahmen, die besonders dann verblüffend schön sind, wenn sie mit der Reflexion des Sonnenlichts spielen. Mehr noch als in Hereditary hat sich Ari Aster Gedanken um die Bilder gemacht. Dazu gehört auch das hingebungsvolle Spiel mit einem ausgefeilten Farbkonzept und bewusst übersteigerter Helligkeit. Gerade mit Blick auf die weiße Kleidung der Figuren erzielt Midsommar dadurch einen faszinierenden, wortwörtlich blendenden Effekt.

Kein Wunder, dass sich die Neuankömmlinge entgegen aller Warnsignale von den großzügigen Gastgebern einlullen lassen, während sie gar nicht merken, wie sich die Fluchtwege hinter ihnen verschließen. Wer Opfer und wer Täter in diesem höllischen Paradies ist, klärt der Film allerdings nicht eindeutig. Auf beiden Seiten herrschen Abgründe, die so ungeheuerlich sind, dass man als Zuschauer am liebsten selbst Reißaus nehmen würde – doch es gibt kein Entkommen. Sobald die Kamera langsam über die Wiesen gleitet, entfalten die Bilder eine hypnotisierende Kraft, der man sich nicht entziehen kann. Immer wieder regen die einzelnen Kompositionen zum Staunen an, ehe verstörende Elemente das Gezeigte übernehmen und mit lähmender Wirkung ihr gesamtes Potential entfalten.

Explizit brennen sich zwar nur eine Handvoll Szenen ins Gedächtnis. In Verbindung mit der unangenehmen Grundstimmung des Films reichen die wenigen Spitzen dennoch aus, um ein mehr als nur ein mulmiges Gefühl zu beschwören. Am Erschütterndsten ist jedoch nicht die Darstellung von physischer Brutalität, sondern der psychologischen Grausamkeit, mit der sich die Figuren im Dialog begegnen. Niemand hört dem anderen wirklich zu, während sich alle von der vermeintlichen Sicherheit des ewigen Sonnenscheins täuschen lassen. Wäre etwas nicht in Ordnung, wäre es schon längst jemandem aufgefallen. Diese Fahrlässigkeit ist aufwühlend und macht gleichermaßen wütend wie fassungslos, potenziert durch lange, aber nicht weniger einnehmende Einstellungen.

Jede Regung können wir beobachten, wenn die Figuren um Dani entscheidenden Konfrontationen aus dem Weg gehen, ohne je ein Bewusstsein für die (beiläufigen) Schäden zu entwickeln, die sie damit anrichten. Von diesem ungesunden Umfeld muss sich die Protagonistin dringend lösen. Trauer, Verlust und Enttäuschung dominieren ihr Leben – keine der Ersatzfamilien im Film vermag es, ihr aufrichtig Zuflucht zu gewähren. Entweder findet sich Dani in einer Dynamik wieder, in der sie vernachlässigt wird, oder die andere Partei fordert ihr alles ab und dreht ihr die Worte im Mund herum. Am Ende dieser Reihe toxischer Beziehungen bleibt nichts als der Wahnsinn übrig und ein Schrei aus tiefstem Inneren – eingebetet in einem Albtraum irgendwo zwischen The Wicker Man und The Sacrament.

Midsommar © Weltkino Filmverleih