Mile 22 – Kritik

Mile 22 - Kritik

Wer rettet die Welt, wenn sie im Chaos versinkt? Peter Berg und Mark Wahlberg präsentierten in den vergangenen Jahres drei spannenden Ansätze, wenngleich ihre Kollaborationen nicht zwangsläufig von ebenbürtiger Qualität waren. Entpuppte sich Lone Survivor noch als unerträgliches Militär-Action-Drama, förderten Deepwater Horizon und Patriots Day durchaus interessante Beobachtungen und aufwühlende Geschichten zutage. Beruhend auf wahren Begebenheiten zeichnete das unwahrscheinliche Gespann aus Regisseur und Hauptdarsteller einen vielschichtigen Blick hinter die Kulissen des gegenwärtigen Amerikas. Plötzlich brennt eine Ölplattform im Golf von Mexiko, während im nächsten Moment der Anschlag auf den Boston Marathon für eine Welle der Erschütterung sorgt. Für ihre vierte Zusammenarbeit haben sich Peter Berg und Mark Wahlberg zwar von der tatsächlichen Geschichtsschreibung entfernt. Ihr neuer Film, Mile 22, erzählt dennoch in schockierenden Bildern von einem rastlosen Amerika, in dem Helden geboren werden, die als Mörder die Welt retten.

Gleich in den ersten Minuten legt Peter Berg einen düsteren Tonfall fest, der sich der Ästhetik von Handkameraaufnahmen und überwachenden Drohnenflügen bedient, wenn Elite-Agent James Silva (Mark Wahlberg) mit seinem Team ein Haus inmitten der vermeintlich unschuldigen Suburbia-Idylle Amerikas stürmt. Kalt und grau wirken die Bilder, ehe eine Explosion die Leinwand zum Leuchten, aber auch zum Zittern bringt. Die Diplomatie hat versagt, militärische Intervention ebenso. Die dritte und letzte Option, die zur Lösung des Problems führen soll, heißt Overwatch. Dabei handelt es sich um ein geheimes Programm, das nicht nur mit fragwürdigen Methoden Ländergrenzen überschreitet. Mile 22 dringt vor, in das verdorbene Unterbewusstsein der amerikanischen Regierung, wo Identitäten genauso schnell ausradiert wie geschaffen werden, um sich einen strategischen – und vor allem auf dem Papier unsichtbaren – Vorteil zu verschaffen. Nur so kann in Mile 22 die im Chaos versinkende Welt gerettet werden. Kompromisslos dokumentiert Peter Berg dieses Chaos und schafft einen Action-Thriller von geradezu apokalyptischem Ausmaß.

Wenn Silva mit seinem Team in ein südostasiatisches Land beordert wird, um eine beachtliche Menge an radioaktivem Caesium sicherzustellen, beginnt ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit, der uns Zuschauer unmittelbar in einen alternativen Kriegsschauplatz katapultiert. Vorerst gestalten sich die knallharten Schusswechsel als ultra-brutales Gepose vor patriotischem Hintergrund. Wild und aufregend schleudern die Kugeln durch die Gegend, während von allen Seiten der Beton bröckelt, als wäre der Weltuntergang nur noch eine Frage von Sekunden. Mark Wahlberg manövriert sich als schreiender, beleidigender Professional durch einen Film, der auf der einen Seite unmissverständlich, geradlinig konzipiert, auf der anderen Seite jedoch dermaßen hektisch montiert wurde, dass der Überblick trotz aller Überwachungsaufnahmen, Datenströme und unmissverständlich formulierten Befehle verlorengeht. Dabei entlarvt Mile 22 all die Schatten, die jenseits des Protokolls stattfinden mit einer niederschmetternden Wendung, die noch lange nach dem Abspann nachhallt.

Bereits Patriots Day erwies sich als überaus ambivalente Angelegenheit, als die Hetzjagd auf den gesuchten Attentäter mit dem Untergang der Sonne eröffnet wurde und die Grundwerte der Demokratie ins Wanken gerieten. Mile 22 schließt nahtlos an diese Entwicklung an. Der Wechsel von einer wahren zur fiktiven Geschichte erscheint in diesem Zuge geradezu notwendig, um den Schrecken, der nach wie vor in der Realität verankert ist, in drastischen, freilich übersteigerten Bildern auf die Leinwand zu bannen. So reißerisch Mile 22 in seinen atemlosen Actionszenen und seinem widerliche  Gebrülle durch Headsets und Mikrofone wirken mag, so gnadenlos zurren die letzten Minuten des Films die verheerenden Ereignisse zusammen, die unabwendbar auf eine der polarisierendsten Schlusspointen des Kinojahres zusteuert. Nach all den unmöglichen Worten und Taten steht Silva am Ende orientierungslos auf dem Rollfeld und wird mit den bitteren Konsequenzen seines Handelns konfrontiert. Zwar sehen wir nichts davon, genauso wie Silva, wissen wir aber genau, was passiert ist – zweifelsohne der unheimlichste Moment des Films. 

Mile 22 © Universum Film

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.