Monrovia, Indiana – Kritik

Monrovia, Indiana - Kritik

Der neue Film von Frederick Wiseman könnte nicht weiter von seinen jüngsten Werken entfernt sein. Zuletzt wäre da etwa der unendlich inspirierende Ex Libris: The New York Public Library, der mit sorgfältigen Beobachtungen hoffnungsvoll von Menschen und Systemen erzählte. Mit In Jackson Heights sah sich Frederick Wiseman davor außerdem in einem von New Yorks diversesten Stadtteilen um – mit dem Mittleren Westen aus Monrovia, Indiana hat das nur noch wenig zu tun. Geblieben ist sie dennoch, Frederick Wisemans sorgfältige Beobachtungsgabe, die er im Rahmen seiner 43. Regiearbeit dafür nutzt, um uns einen Teil Amerikas zu zeigen, der oftmals bloß in Form von Stereotypen seinen Weg auf die Leinwand findet. Wisemans Dokumentarfilm blickt hinter die Vorurteile und stößt auf beides: Entkräftung und Bestätigung.

Wenngleich Frederick Wiseman seinem Film kein politisch motiviertes Credo voranstellt, offenbaren sich schnell die Beweggründe, warum er ausgerechnet die titelgebende Gemeinde mit ihren rund 1400 Einwohnern zum Gegenstand seines neusten Films gemacht hat. Der Schatten der letzten Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten schwebt über der Monrovia, Indiana, immerhin stimmten 75 Prozent der Einwohner des entsprechenden Countys für Republikaner Donald Trump. Das vernachlässigte, mitunter vergessene Herz Amerikas gewinnt Frederick Wisemans Interesse, der es sich fortan zur Aufgabe macht, mit seiner Kamera in die unterschiedlichsten Winkel dieses Teils der Gesellschaft zu blicken. Dabei entdeckt er genauso die Schönheit der Natur wie die Tristesse heruntergekommener Häuser am Wegesrand.

Monrovia, Indiana versteht es, diese Gegensätze zu vereinen und in erster Linie von den Menschen zu erzählen, die ins Zentrum der Aufnahmen rücken und mit der Kamera teilen, was sie bewegt. Ein Schwärmen von dem Vergangenen gehört genauso dazu, wie die Angst vor dem Kommenden. Die Passagen, die Frederick Wiseman für seine finale Schnittfassung ausgesucht hat, beleuchten auf vielfältige Weise eine Gemeinschaft, deren konservatives Denken sich nach und nach von selbst enthüllt. Nur selten kommentiert der Schnitt des Films das Gezeigt. Wisemans Bilder liefern in erster Linie ein Plädoyer zur Auseinandersetzung und zum gegenseitigen Verständnis, anstelle zu urteilen. Erst zum Schluss bewegt er sich nach einigen durchaus humorvollen Abschnitten in ein extrem gedrücktes Stimmungsfeld.

Nach zweieinhalb Stunden, die – wie gewöhnlich bei Frederick Wisemans Filmen – wie im Flug vergehen, dominieren Abschied und Tod die finalen Aufnahmen von Monrovia, Indiana. Einmal mehr kommt die Gemeinde zusammen, nachdem wir sie zuvor beim Essen, beim Haarschneiden und bei der Landwirtschaft beobachten konnten. Alle Diskussionen über neue Wohnung und vermeintliche Hydranten, die in Wahrheit gar keine sind, geraten in Vergessenheit, während die Trauer in selbstverständlicher Menschlichkeit vereint. Wer (oder was) hier genau zu Grabe getragen wird, bleibt die große unbeantwortete Frage dieses Films, in dem die nachfolgenden Generationen wie verschwunden wirken. Ein bewegender Schluss, der ebenso ratlos macht, denn es entsteht der Eindruck, dass Monrovia, Indiana in diesem Amerika keine Zukunft sieht.

Ein alter Teil des Landes erinnert sich ein letztes Mal an das erste Auto, die einst unschlagbare Basketball-Mannschaft und eine Zeit, in der der Dollar noch etwas wert war. Selbst bei einer feierlichen Freimaurer-Zeremonie ist trotz Aufrechterhaltung des bedeutungsvoll angelegten Protokolls jeder Glanz erloschen. Es ist bizarr, dieses Ereignis zu verfolgen, das wie kaum ein anderer Moment des Films zwischen Relevanz und Bedeutungslosigkeit schwankt. Dafür laufen im Hintergrund andere Prozesse nach wie vor reibungslos ab, sei es die Ernte der prächtigen Felder oder die Zubereitung der Speisen in einem sich großer Beliebtheit erfreuenden Lokals. Sogar die Niederlassung des Sarges erfolgt einer gewissen Routine, ohne die die Zukunft Amerikas nicht möglich ist. Verändern muss sich trotzdem etwas. Daran lässt Monrovia, Indiana keinen Zweifel.

Monrovia, Indiana © Zipporah Films/Doc & Film International

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.