Mulan – Kritik

Mulan

In der Reihe von Disneys Live-Action-Remakes, die in den vergangenen Jahren das Kino eroberten, nimmt Mulan eine besondere Rolle ein. Gerade nach The Lion King, der sich trotz seiner technisch nahezu unbegrenzten Möglichkeiten sklavisch seiner Vorlage verschrieb, weht hier ein deutlich erfrischenderer Wind: Regisseurin Niki Caro greift zwar bewusst Motive aus dem gleichnamigen Zeichentrickfilm von 1998 auf, der wiederum auf der chinesischen Ballade Hua Mulan beruht. Gleichzeitig entwickelt sie eine eigene Sprache für die Geschichte von Mulan, die vor allem von großen Gesten und Bildern geprägt ist.

Zu den auffälligsten Veränderungen gegenüber dem Disney-Klassiker gehört etwa der Umgang mit den vertrauten Songs, die nicht mehr von den Schauspieler*innen gesungen werden, sondern mit Harry Gregson-Williams‚ Filmmusik verschmelzen. Außerdem verzichtet die Neuauflage komplett auf den Drachen Mushu, der im Original als Sidekick der Protagonistin fungiert. Ausschlaggebend dafür war u.a. der schlechte Ruf der Figur beim chinesischen Publikum, wie Produzent Jason Reed im Voraus des Kinostarts verriet. Mushus Platz nimmt nun ein eindrucksvoll animierter Phoenix ein, der Mulan (Liu Yifei) auf ihrer Reise begleitet.

Ein paar dieser Anpassungen sind somit fraglos strategischen Entscheidungen entsprungen, um Mulan bestmöglich für den weltweiten Kinomarkt mit einem besonderen Fokus auf China zu optimieren. Hier können aufwendige Hollywood-Blockbuster einen nicht zu unterschätzenden Teil ihres Einspielergebnisses verzeichnen. Dafür müssen sie aber erst einmal einen Kinostart erhalten – und das passiert nur, wenn gewisse Regeln eingehalten werden. Gerade aus künstlerischer Perspektive ist das problematisch, zumal sich das Drehbuch wenig systemkritisch zeigt. Im Gegenteil: Der Kaiser (Jet Li) muss mit allen Mitteln beschützt und verteidigt werden.

Hinsichtlich des politischen Subtextes bewegt sich Mulan somit eher auf einem unglücklichen Pfad. Dennoch kommen viele Veränderungen auch der Geschichte und ihren Figuren zugute, gerade im Hinblick auf Mulan. Niko Caro begleitet ihre Protagonistin bei einer klassischen Heldenreise, gesteht ihr aber deutlich mehr Kontrolle über das eigene Schicksal zu, als es im Zeichentrickfilm der Fall war. Nun ist es zum Beispiel Mulans eigene Entscheidung, sich zu ihrer wahren Identität zu bekennen, nachdem sie sich zuvor als Mann in die Armee geschlichen hat, um ihren geschwächten Vater vor dem sicheren Tod zu bewahren.

An starken, ermächtigenden Momenten mangelt es Mulan nicht – und Niki Caro versteht es, diese in entsprechend kraftvollen Bildern auf die große Leinwand zu bannen. Ihr Film sieht schlicht atemberaubend aus, was einerseits auf die unglaublich schönen Landschaftspanoramen (gedreht wurde in Neuseeland und China) zurückzuführen ist, andererseits aber auch an der Aufmerksamkeit liegt, mit der sie ihre Figuren mustert. Trotz aufwirbelnder Elemente werden die Aufnahmen von einer Ruhe begleitet, die es ermöglicht, jedes Detail dieses bombastischen Abenteuerfilms wahrzunehmen, auch in den mitreißenden Kampfsequenzen.

Vor allem beeindruckt die Umgebung, die Niki Caro für ihre Figuren schafft: Mal ist es eine Wärme und Geborgenheit, die von der Heimat ausgeht, mal ein ungeheurer Nebel, der sich auf dem Schlachtfeld ausbreitet. Die Spezialeffekte sind gerade unsichtbar, auch wenn einige der halsbrecherischen Stunts und gewisse Verwandlungen nur mithilfe von CGI-Eingriffen möglich sind. Die Welt von Mulan fühlt sich trotzdem so echt und greifbar an, als würde einen die Kamera direkt in den Wüstensand katapultieren und später durch saftige Wiesen streifen lassen. Ein Film, der seine Farben genießt, genauso wie seine Größe.

Niki Caro kostet das beträchtliche Budget in jeder Einstellung aus, ohne eines dieser überbordenden wie austauschbaren Blockbuster-Spektakel zu schaffen. Stattdessen arbeitet sie konzentriert mit dem Fokus und verdeutlicht dadurch Verhältnisse und Perspektiven, selbst wenn das Drehbuch recht einfach gestrickt ist und wenig Zweifel am Offensichtlichen lässt. Das tut der Sogwirkung des Films aber keinen Abbruch. Mulan stürzt sich in die Erhabenheit der Landschaft, völlig ungeachtet davon, wie obligatorisch die Stationen sind, die Mulans Reise bereithält. In dieser prächtigen Weite kann man sich durchaus verlieren.

Diese Kritik wurde bereits im März 2020 geschrieben, als für Mulan noch ein weltweiter Kinostart vorgesehen war. Nun wird der Film hierzulande direkt auf Disney+ veröffentlicht. 

Mulan © Walt Disney Studios Motion Pictures