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Procession – Kritik

Wenn es um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche geht, spielt der Moment der Aufdeckung oft eine wichtige Rolle. Kein Wunder, dass sich Hollywoods bisher eindrücklichster Beitrag zu dem Thema, das mit dem Oscar ausgezeichnete Drama Spotlight, um das Investigativ-Team einer Tageszeitung dreht. Gemeinsam mit den Journalist:innen erfahren wir von den grausamen Taten und was es bedeutet, diese ans Licht zu bringen. Procession, der neue Film von Robert Greene, setzt dagegen deutlich später an. Der Missbrauch ist längst bekannt, aber nicht aufgearbeitet.

Von 230 Priestern ist zu Beginn der Dokumentation die Rede, die allein im Raum Kansas und Missouri sexueller Übergriffe beschuldigt wurden – und das ist nur die Anzahl derer, von denen die Öffentlichkeit weiß. Viele Fälle reichen Jahrzehnte zurück, Konsequenzen hat es selten gegeben. 2018 forderte die Anwältin Rebecca Randles auf einer Pressekonferenz die Behörden auf, strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten. Diese Pressekonferenz dient als Ausgangspunkt für Procession, der sich mit dem Schicksal von sechs Männern beschäftigt, die Opfer von Missbrauch in der katholischen Kirche wurden.

Im Rahmen einer Theatertherapie kehren die Betroffenen – namentlich Michael Sandridge, Tom Viviano, Mike ForemanJoe Eldred, Ed Gavagan und Dan Laurine – in ihre Vergangenheit zurück. Sie stellen Szenen aus ihrer Kindheit nach, die sie heute noch verfolgen. Sie werden von ihnen selbst geschrieben, inszeniert und gespielt. Mitunter treten die Männer sogar in den Rollen der Täter auf. Das Trauma wird vor unseren Augen lebendig, aber nie ausgestellt. Als Experiment, das dokumentarische und fiktive Form vermischt, bildet Procession vor allem eines: einen sicheren Rahmen für alle Beteiligten.

In diesem Bereich hat Greene viel Erfahrung gesammelt. Seine Werke loten regelmäßig die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm aus und drehen sich um sensible Themen sowie den Umgang mit diesen. Sie eröffnen aufwühlende Zwischenräumen, die selten im Kino erforscht werden, jedoch stets aufschlussreiche Perspektiven eröffnen. Das stärkste Beispiel hierfür ist Kate Plays Christine, in dem sich die Schauspielerin Kate Lyn Sheil für einen fiktiven Film auf die Rolle der Nachrichtensprecherin Christine Chubbuck vorbereitet, die sich 1974 live im Fernsehen das Leben nahm.

Auch in Procession verschwimmen Realität und Fiktion, wenn aus den traumatischen Erlebnissen ein Film im Film wird. Mal bezeugen wir die Rückkehr an realexistierende Orte, mal wird eine Kulisse detailgetreu im Studio nachgebaut und durch abstrakte Elemente wie eine unnatürliche Farbgebung manipuliert. Zitternde Hände, Tränen in den Augen und die Ungewissheit, wo diese kräftezehrende Reise hinführt: In schlichten, unaufdringlichen Aufnahmen gibt Greene den sechs Männern die Möglichkeit, sich etwas von dem zurückzuholen, was sie vor langer Zeit verloren haben.

Procession dokumentiert einen langsamen Heilungsprozess, der sowohl nachdenkliche Blicke als auch wütende Schreie umfasst. Am Ende steht die Hoffnung auf einen kathartischen Moment, zuvor geht es um die Macht von zerstörerischen Erinnerungen und die Zweifel, ob das wagemutige Experiment wirklich zu einem Durchbruch führt. Procession ist ein Balanceakt, der leicht an seinem eigenen Konzept scheitern könnte. Greenes Sorgfalt lässt das allerdings nicht zu. Er schafft ein therapeutisches, kollaboratives Umfeld, das berührt, ermutigt und nicht zuletzt in die Kraft des Kinos vertraut.

Beitragsbild: Procession © Netflix