Ralph Breaks the Internet – Kritik

Ralph Breaks the Internet - Kritik

Als Wreck-It Ralph vor sechs Jahren in die Kinos kam, dominierte die Nostalgie. Missverstandene Figuren aus alten Videospielen erwachten in Form von tadellosen Animationen zum Leben und eröffneten damit einen spannenden Diskurs über das Alte und das Neue und wie es miteinander verbunden ist. Vor allem aber schenkte Wreck-It Ralph sein Herz jenen Außenseitern, die ungeliebt im Schatten angestaubter Arcade-Automaten ihr Dasein fristeten. Neben dem randalierenden Ralph (John C. Reilly) gehörte dazu auch die Rennfahrerin Venellope (Sarah Silverman), die aufgrund eines Glitch von den potentiellen Spielern gemieden wurde. In einem Feuerwerk popkultureller Referenzen fanden beide Figuren zusammen und sind auch über eine halbe Dekade später noch beste Freunde, wie die ersten Minuten von Ralph Breaks the Internet beweisen. In der Zwischenzeit hat sich trotzdem viel verändert, denn das Internet hat seinen Weg in die Arcade-Center gefunden, in dem Ralph und Veneloppe zu Hause sind, und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten.

Die Erinnerung an vergangene Videospieltage klingen nur noch in den ersten Minuten von Ralph Breaks the Internet an, der hierzulande den Titel Chaos im Netz trägt. Nachdem im ersten Teil das Vergehen von Zeit verhandelt wurde, befindet sich die Fortsetzung in einem interessanten Zwiespalt: Einerseits ist das Internet mittlerweile so alt, dass es eine gewisse Geschichte mit sich bringt, die sich hervorragend in animierten Bildern visualisieren lässt. Andererseits existiert dieses Internet aber auch als großes, unberechenbares Etwas, dessen Potential womöglich noch nicht einmal angekratzt wurde, sodass jeder Moment eine Entdeckung darstellt, ohne jegliches Gefühl der vergehenden Zeit. Dem Regie-Duo Rich Moore und Phil Johnston gelingt es dennoch überraschend gut, beide Hälften in ihren Film zu vereinen, während das Drehbuch, das Johnston zusammen mit Pamela Robin geschrieben hat, aufmerksame Beobachtungen gegenwärtiger Internet-Entwicklungen sammelt und diese als Teil er Handlung übersetzt.

Wo The Emoji Movie vor einem Jahr recht planlos durch den digitalen Raum marschierte, erweist sich Ralph Breaks the Internet als selbstbewusster Ausflug in die unendlichen Weiten des Netzes und bringt ein willkommenes Gespür für die Dynamik hinter den vielen kleinen Prozessen und Mechaniken mit. Ähnlich wie Pixar-Filme verspielte Welten erschaffen, um komplexe Vorgänge zu veranschaulichen, schlendern die Figuren in Ralph Breaks the Internet durch eine gigantische Metropole, in der die wichtigsten Anlaufstellen der Datenautobahn nicht fehlen dürfen. Zahlreiche Marken finden direkt ihren Weg in die Geschichte, andere wiederum in leicht variierter Form, was letzten Endes eine Frage der Lizenzen ist. Dementsprechend präsent ist jegliches erdenkliches Disney-Eigentum, angefangen von Marvels Superhelden über Gastauftritte aus einer weit, weit entfernten Galaxis bis hin zu allen (!) Disney-Prinzessinen, die sich mit ihren Handlungen und Entscheidungen sogar aktiv ins Geschehen einschalten dürfen.

Wie schon im Vorgänger wird die Popkultur nicht bloß zelebriert und gefeiert, sondern ebenso reflektiert, selbst wenn der Film am Ende doch recht oberflächlich durch das Netz fegt oder zumindest wenig Interesse verspürt, angedeutete Problematiken zu vertiefen. Ralph Breaks the Internet versteht sich mehr als Streifzug durch eine Browser-History, mit der sich jeder identifizieren kann, was ebenfalls bedeutet, dass aus der Chronik bereits diverse Einträge entfernt wurden. Ein bisschen zu sauber wirkt dieses Internet, während ebenfalls die Freundschaft zwischen Ralph und Veneloppe nur bedingt auf die Probe gestellt wird. Eine wahre Fallhöhe arbeitet das Drehbuch aber nur bedingt in den dramatischen Momenten heraus, da die Lösung stets in Reichweite ist. Erst, wenn Ralph Breaks the Internet auf sein Finale zusteuert und die gefährlichen Strömungen des Internets in Form eines wütenden King Kong-Mobs visualisiert, der sich aus vielen kleinen wütenden Ralphs zusammensetzt, gelingt es dem Film, seine Stärken perfekt auszuspielen.

Ralph Breaks the Internet © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.