Roads – Kritik

Roads

Erst fünf Filme zählt die Filmographie von Sebastian Schipper, die er als Regisseur umgesetzt hat. Dennoch ist es ein Glück, dass er überhaupt Filme macht. Denn wenn er dann einmal einen dieser Filme ins Kino bringt, sind sie wild und berührend, unberechenbar und geistreich. Meistens verfolgen wir Menschen, die auf der Suche sind, die von einer großen Sehnsucht getrieben werden und schließlich zu einer ganz bestimmten Zeit und an einem ganz bestimmten Ort aufeinandertreffen. Zuletzt verdichtete er diese Rastlosigkeit des Filmemachens in den 140 Minuten von Victoria, einem Streifzug durch eine laue Berliner Sommernacht, der schließlich in einem atemlosen Thriller mündete.

Auch Roads, sein jüngstes Werk, besitzt diese Lust und den Mut zum Experimentieren, aber auch den intensiven Blick auf die Welt. Sebastian Schippers Filme scheinen direkt dem Zeitgeist entsprungen zu sein und fühlen sich deswegen besonders greifbar an, ehe sie sich in der Retrospektive als kostbare Beobachtungen eines ganz bestimmten Moments behaupten. Wenn in der Wüste von Marokko der 18-jährige Gyllen (Fionn Whitehead) auf den ein Jahr jüngeren William (Stéphane Bak) triff, entfaltet sich ebenfalls eine dieser zeitaktuellen Geschichten, auf die wir später mit ganz anderen Augen blicken werden. Gerade das macht Roads aber so spannend: Der Film ist Teil eines Prozesses.

Gyllen kommt eigentlich aus Großbritannien. Seine Familie lebt in London – oder zumindest der Teil seiner Familie, bei dem er lebt. Die Eltern haben sich getrennt, ein tragisches Ereignis in der Vergangenheit ist dafür verantwortlich. Aber geredet wird darüber (vorerst) nicht. Jetzt steckt er in Marokko fest, sprichwörtlich hat er während dem Urlaub Hausarrest erhalten. Mit dem Wohnmobil seines Stiefvaters macht er sich trotzdem mitten in der Nacht heimlich davon. Er will nach Frankreich zu seinem leiblichen Vater, in der Hoffnung, dass dort alles besser, dass er dort verstanden wird. Auf dem Weg dorthin begegnet er William, der aus dem Kongo stammt und sich auf der Suche nach seinem Bruder befindet.

So entwickelt sich Roads als Mischung aus Coming-of-Age-Film und Roadmovie vor dem Hintergrund der europäischen Flüchtlingskrise in ein aufwühlendes Drama. Konkret benannt werden die zugrundeliegenden Themen aber nicht. Stattdessen fokussiert sich das Drehbuch, das Sebastian Schipper gemeinsam mit Oliver Ziegenbalg geschrieben hat, darauf, den großen Konflikt in Form einer intimen, aufregenden, aber auch beängstigenden, beunruhigenden Geschichte greifbar und vor allem erlebbar zu machen. Roads findet genauso drastische Bilder, wie der Film von magischen Momenten berichtet und jenen, in denen die Protagonisten verängstigt und zusammengerollt auf dem nassen Erdboden liegen.

Mit einem Blick auf Sebastian Schippers bisherige Regiearbeiten sollte es keine Überraschung sein. Trotzdem verblüfft das, was er uns in seinem Film zeigt, da es sich überwiegend jenseits der Erwartungen ereignet. Entgegen der Grenzen und Kontrollen im Film, die den Figuren zum Verhängnis werden, lässt sich Roads in keine Schranken weisen und folgt seinen Figuren bei all den rationalen wie irrationalen Entscheidungen, die sie treffen. Ein Motiv, das bei Sebastian Schipper bis zu Absolute Giganten im Jahr 1999 zurückreicht, wo die Welt zwar eine ganz andere war, die Orientierungslosigkeit jedoch nicht weniger bedrohlich auf die jungen Menschen wirkte. Den Platz in der Welt zu finden – davon erzählt Sebastian Schipper am liebsten und am eindringlichsten.

Nach und nach erforscht Roads die Geheimnisse der Figuren, taucht in ihre Hoffnungen ein, kann am Ende allerdings nicht der Realität entkommen. Moral diktiert das Drehbuch nicht: Selbst wenn Gyllen und William auf ihrer Reise diverse Lektionen lernen, die sie gleichermaßen auseinandertreiben wie zusammenschweißen, erzählt Roads immer wieder von jenen Augenblicken, in denen völlig ungewiss ist, was als Nächstes passiert. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Sebastian Schippers Beobachtungen zu folgen und seinen Gedanken zuzuhören, die auf so viele unterschiedliche Wege in seinen Film einfließen. Mal ist es eine Bewegung mit der Kamera durch die Nacht, mal ein Gesicht, das der Dunkelheit entgegenblickt.

Roads © Studiocanal