Rocketman – Kritik

Rocketman

Es dauet nicht lange, da stehen sich in Rocketman zwei Elton Johns gegenüber. Der alte (Taron Egerton) blickt dem jungen (Kit Connor) entgegen, der noch keine Ahnung hat, wo er eines Tages landen wird, und dennoch erwartungsvoll die Welt umarmen möchte. Ein herzzerreißender Moment, der sowohl die fantasievolle als auch die emotionale Seite von Dexter Flechters Biopic etabliert: Im Gegensatz zu dem enttäuschenden Bohemian Rhapsody, der sich auf ermüdende Weise an Freddie Mercury entlanghangelte, ohne jemals etwas über die porträtierten Figuren zu erzählen, entpuppt sich Rocketman als Film, der wirklich daran interessiert ist, zu seinem Protagonisten vorzudringen.

Selbst wenn Lee Halls Drehbuch an vielen der obligatorischen Stationen in Elton Johns Leben pausiert, versucht Dexter Fletcher an diesen stets etwas über seine Hauptfigur zu erfahren. Ihm geht es nicht darum, Vollständigkeit und Endgültigkeit zu behaupten, indem er einfach einen Wust an Informationen abspult, die bestenfalls durch reich ausgestattete Bühnenbilder zum Leben erwachen. In Rocketman schallt die Musik nicht nur als lieblos zusammengewürfeltes Best-of-Album im Hintergrund, sondern wird selbst zum Hauptdarsteller der Geschichte. Wo eben noch ein konventionelles Biopic zu erkennen war, offenbart sich im nächsten Augenblick ein mitreißendes Fantasy-Musical, das wie ein Feuerwerk den Nachthimmel erleuchtet.

Dieses Fantasy-Musical bietet vor allem Taron Egerton eine perfekte Bühne, um vergangene Flops wie Robin Hood vergessen zu machen und sich abseits der Kingsman-Reihe als einer von Hollywoods zukünftigen wie ehrgeizigen Leading Men zu beweisen. Werden die Worte in Rocketman gesprochen, herrschen noch Skepsis und Zweifel, sobald sich der Film jedoch in Bewegung setzt, fängt er an, zu fliegen. Ansteckend sind die begeisterten Sprünge zum Takt der Musik, deren Herz neben Taron Egertons leidenschaftlichem Spiel die zurückhaltenden, grüblerischen Blicke von Jamie Bell sind. Er spielt Bernie Taupin, der Eltons Kompositionen textlich bestückt und somit zum heimlichen Erzähler seiner Sehnsüchte avanciert.

Wo der junge Elton am Anfang die Welt zwar umarmen möchte, klafft tief in seinem Inneren eine große Wunde auf, als er erkennt, dass ihn selbst niemand umarmen will. Besonders das Vertrauen in seinen Vater wird an diesem Punkt erschüttert. Besagte Wunden wollen auch Jahre später nicht heilen. Immer wieder erfährt Elton Ablehnung, was ihn in eine selbstzerstörerische Spirale treibt. Das eigene Schaffen erklingt dabei stets wie eine zweite Erzählstimme, kann ihn aber nicht beschützen. Elton muss das junge Ich zerstören, um die Person zu werden, die er sein will – Dexter Fletcher entdeckt in diesem Missverständnis den dramaturgischen Bogen des Films, passt die übrige Geschichte der daraus resultierenden Tragik an und findet für viele Szenen eine angenehm klare Sprache.

Wo Bohemian Rhapsody, bei dem Dexter Fletcher in den letzten Drehwochen von Fox als Ersatz für Bryan Singer engagiert wurde, vorzugsweise einen Bogen um Freddie Mercurys sexuelle Identität machte, spürt Rocketman keine Distanz zu den prägenden Momenten in Elton Johns Vita, was nicht zuletzt die erste schwule Sexszene in einer großen Studioproduktion zutage fördert. Obgleich Rocketman nicht so mutig und furios inszeniert ist, wie er sein könnte, setzt Dexter Fletcher eindeutig ein deutliches Zeichen und schafft Elton John ein fraglos berührendes Denkmal in Form bewegter Bilder. Am Ende blicken sich der junge und der alte Elton wieder ins Gesicht, dieses Mal folgt die Umarmung, die jahrelang unterdrückt wurde.

Rocketman © Paramount Pictures