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The Book of Boba Fett – Kritik

Stürmische Wellen brechen unter dem donnernden Applaus des Gewitters, das den abgelegenen Meeresplaneten Kamino in ewige Dunkelheit hüllt. Nur Blitze dringen durch das endzeitliche Tosen, während auf einer Landeplattform schemenhaft die Umrisse der Slave I zum Vorschein kommen. Danach ist es der Sand von Geonosis, der in Boba Fetts (Temuera Morrison) Erinnerung aufgewirbelt wird, wenn er in Gedanken an jenen Ort zurückkehrt, an den er seinen (Klon-)Vater, Jango Fett, verloren hat. Der ikonischste Kopfgeldjäger der Galaxis wird von den Geistern der Vergangenheit verfolgt.

Nachdem Boba Fett in der zweiten Staffel von The Mandalorian sein großes Comeback im Star Wars-Universum feierte, rückt er für das neuste Projekt von Serienschöpfer Jon Favreau in den Mittelpunkt der Geschichte. The Book of Boba Fett schließt an die Ereignisse der Mutterserie an, schlägt jedoch ebenso den Bogen zu früheren Kapiteln der Sternensaga, angefangen bei Attack of the Clones bis hin zu Return of the Jedi. Auf die Geister von Kamino und Geonosis folgt das Trauma von Tatooine: Im Inneren des Sarlaccs blickt Boba Fett einem mehrere Jahre andauernden Verdauungsprozess ins Angesicht.

The Book of Boba Fett enthüllt in seinem Prolog, der bedrohlich mit brummender Musik von Ludwig Göransson und Joseph Shirley untermalt ist, das größte Geheimnis des Kopfgeldjägers: Wie konnte er seinen ruhmlosen Abgang in Episode VI überleben? Der klägliche Sturz in die Sarlacc-Grube gab wenig Grund zur Hoffnung, dass Boba Fett dem Schlund der Bestie entkommt. Doch jetzt kämpft er sich durch Schleimhäute, toxische Dämpfe und den heißen Wüstensand. Eindrucksvoll sind diese ersten Minuten, weil sie komplett über Bilder und kräftezehrende Bewegungen erzählt werden.

Von dem fiebrigen Albtraum, den der Überlebenskampf bereitgehalten hätte, ist der Auftakt von The Book of Boba Fett allerdings weit entfernt. Viel zu schnell weichen die atmosphärischen Augenblicke dem pragmatischen Erzählen: Regisseur Robert Rodriguez, der bereits die Boba Fett-Rückkehr in The Mandalorian inszenierte, hält die Szenen kompakt und operiert damit im gleichen Modus wie sein Protagonist. Mehr denn je fühlt sich eine neue Star Wars-Serie wie die Variation der martialischen Gesten von Conan the Barbarian an. Einzelne Posen wiegen mehr als große Kompositionen.

Favreau stellt dem Kopfgeldjäger konkrete Aufgaben, die er nacheinander auf verschiedenen Zeitebenen bewältigen muss. Ausgeschmückt werden sie mit flotter Parkour-Action mit Ming-Na Wen und der Begegnung mit einem Ray Harryhausen-Gedächtnismonster. Dazwischen findet die Transformation der Star Wars-Figur statt: Wo Jabba the Hutt mit Angst regierte, appelliert Boba Fett an gegenseitigen Respekt. Die Neudefinition der Figur – weg vom geheimnisvollen Schurken mit cooler Rüstung, hin zum traumatisierten Antihelden mit Narben im Gesicht – deutet sich seit The Mandalorian an.

Allzu tief dringt die erste Episode von The Book of Boba Fett jedoch nicht zu seiner Figur vor. Das Meistern von Herausforderungen steht eindeutig im Vordergrund der Episode, obwohl der einleitende Tauchgang durch Fetts aufgewühlte Erinnerungen der bisher spannendste Aspekt der Serie ist. Dafür erforscht Favreaus Drehbuch die angespannten Machtverhältnisse auf Tatooine, um The Book of Boba Fett als Gangsterepos in Stellung zu bringen. Am meisten Profil erhält aber kein mächtiger Clan, sondern die Sandleute, die schon in The Mandalorian um einige Nuancen erweitert wurden.

Lange Zeit beobachten wir das Treiben unter den Zwillingssonnen ohne verständliche Dialoge: Dass The Book of Boba Fett nicht vor den seltsamen Eigenheiten des Star Wars-Universums zurückschreckt, sondern sie umarmt, ist einer der bisher größten Reize der Serie. Noch mehr Neugier schafft aber ein Leitmotiv, das sich in der Main Theme von The Book of Boba Fett versteckt: Langsam wie bedrohlich schleicht sich John Powells Crimson Dawn-Motiv aus Solo: A Star Wars Story in die Geschichte. Dem Syndikat-Krieg zwischen Boba Fett und Lady Qi’ra (Emilia Clarke) steht nichts mehr im Weg.

Dieser Text basiert auf dem Eindruck der ersten Episoden von The Book of Boba Fett, die seit dem 29. Dezember 2021 auf Disney+ als Stream zur Verfügung steht.

Beitragsbild: The Book of Boba Fett © Disney+/Lucasfilm