The Invisible Man – Kritik

The Invisible Man

Dem Dark Universe war kein Erfolg gegönnt. Wie die Superhelden im Marvel Cinematic Universe sollten die ikonischen Universal-Monster auf der großen Leinwand zusammentreffen. Bereits der Startschuss, eine Neuauflage von The Mummy, konnte die Erwartungen an den Kinokassen nicht erfüllen – und das, obwohl mit Tom Cruise einer der wenigen Schauspieler gecastet wurde, der auch ohne Alter Ego mit den Superhelden mithalten kann. Wie so oft stellt das Scheitern aber auch hier die Geburtsstunde von etwas Neuem dar – Aufritt: The Invisible Man.

Weit abseits des kostspieligen Blockbuster-Kinos durfte sich Produzent Jason Blum dem nächsten Universal-Monster annehmen, konkret in Form einer Neuverfilmung von H.G. Wells Unsichtbarem, der schon 1897 in Buchform die Leser verschreckte. Mit dem Dark Universe hat der von Leigh Whannell inszenierte Film jedoch nichts mehr zu tun. Stattdessen entstand unter dem Dach von Blumhouse ein eigener, kleiner, fieser Horrorfilm, der sich als moderne Neuinterpretation einer vertrauten Geschichte erweist und vor allem dank Elisabeth Moss beeindruckt.

Geschickt stellt Leigh Whannell seine Version des Unsichtbaren vor. Mit Wellen, die gegen einen Fels in der Brandung peitschen, bewegt er sich zuerst auf den Spuren eines altmodischen Schauermärchens, das mit seinen Schreckensbildern aus einem anderen Jahrhundert stammen könnte. Doch dann bewegt sich die Kamera immer tiefer hinein in den Film und findet sich schließlich in der Gegenwart – fast in der Zukunft – wieder. Denn die Villa, die wir danach betrachten, beherbergt fortschrittliche Technologie und gleicht einem kühlen Hochsicherheitsgefängnis.

Diesem Gefängnis versucht Cecilia Kass (Elisabeth Moss), in den ersten Minuten des Films zu entkommen. Sie flieht vor ihrem Mann, der da in aller Seelenruhe schläft, obwohl er derjenige ist, von dem sämtliche Gewalt ausgeht. Mit präzisen Einstellungen schafft Leigh Whannell hier eine der nervenaufreibendsten Sequenzen des bisherigen Kinojahres, ehe er den Kampf gegen den unsichtbaren Antagonisten eröffnet, der besonders von einer Frage begleitet wird: Ist das, was Cecilia erlebt, echt oder bildet sie sich alles nur ein? Zumindest für uns Zuschauer ist die Situation schnell klar.

Während Leigh Whannells Inszenierung keinen Zweifel daran lässt, dass Cecilia von einem Unsichtbaren verfolgt wird, schenken die Figuren im Film den Aussagen der Protagonistin deutlich weniger Glauben. In The Invisible Man anno 2020 geht es folglich nicht um einen Mann, den im Zuge einer Grenzüberschreitung ein tragisches Schicksal erwartet. Stattdessen beschäftigt sich der Film mit dem Thema Gaslighting und nimmt dabei eine feministische Perspektive ein – eine erfrischende, aufwühlende und ambitionierte Herangehensweise, nachdem The Mummy alles andere als vor Ideen strotzte.

Leigh Whannell weiß seinen Unsichtbaren geschickt einzusetzen, um die gesellschaftlichen Dimensionen der Geschichte zu erweitern. Der faszinierendste Moment ist trotzdem einer, der ganz der Mythologie von The Invisible Man verschrieben ist – nämlich jener, in dem Cecilia mit eigenen Augen hinter das Geheimnis ihres Verfolgers kommt. Anschließen kann Leigh Whannell danach leider nie wieder an diese atmosphärische Dichte. Schlussendlich hallt sie trotzdem lange genug nach, um Elisabeth Moss bis zum  Finale zu begleiten, das den Film noch einmal in eine andere Richtung dehnt.

The Invisible Man © Universal Pictures