The Miseducation of Cameron Post – Kritik

The Miseducation of Cameron Post - Kritik

Es ist 1993 und irgendwo in Montana heißt der traditionelle Homecoming-Ball die Schülerinnen und Schüler der örtlichen Highschool zurück. Während Irma Thomas von all jenen singt, die das Geheimnis der Liebe verstehen, streift Cameron (Chloë Grace Moretz) mit sehnsuchtsvollen Blicken verträumt durch die Gegend. Entgegen der beflügelnden Musik im Hintergrund offenbart sich jedoch ein Bild purer Tristesse: Lustlos bewegen sich ausdruckslose Menschen durch den Raum, von Spaß kann keine Rede sein, von Leidenschaft erst recht nicht. Jeglicher Funke Neugier und Lebensfreude scheint aus den Gesichtern verschwunden, die Regisseurin Desiree Akhavan in den ersten Minuten von The Miseducation of Cameron Post entdeckt. Erdrückend ist die Stimmung, die eigentlich eine feierliche sein sollte. Cameron versucht dennoch, der konservativen Trostlosigkeit ihrer Heimat zu trotzen. Die Gefühle, die sie für ihre Freundin Coley (Quinn Shephard) empfindet, sollen sie schlussendlich aber in ein noch viel hoffnungsloseren Ort verbannen.

Die heimliche, verbotene Liebe wird entdeckt und mit wütenden wie entsetzten Reaktionen bestraft. Cameron, die ihre Eltern in einem Autounfall verloren hat, wird von ihrer Tante zur Reparativtherapie ins christliche Camp God’s Promise geschickt. Homosexualität hat in dieser Welt keinen Platz. Stattdessen setzen die strenge Dr. Lydia Marsh (Jennifer Ehle) und der ebenfalls geläuterte Reverend Rick (John Gallagher Jr.) alles daran, um den jungen Menschen, die sich in ihrer sexuellen Orientierung verirrt haben, in quälenden Therapiesitzungen die richtige Geschlechterrolle zurückzugeben. Es ist ein Albtraum, aber wir sehen vorerst nur die Spitze des Eisbergs, wie er sich immer wieder bildlich in die Adaption von Emily M. Danforth gleichnamiger Romanvorlage schleicht. Es herrscht eine große Angst vor dem Unbekannten, dabei finden verborgen unter der Oberfläche die schönsten Dinge statt. Was die Erwachsenen unbedingt ersticken wollen, lässt der Film durch seine Bilder lebendig werden.

The Miseducation of Cameron Post dringt in die heimlichen Verstecke seiner Protagonistin vor, vorzugsweise Träume, die selbst von der kontrollierenden Taschenlampe nicht erreicht werden können. Desiree Akhavan, die gemeinsam mit ihrer Appropriate Behavior-Kollaborateurin Cecilia Frugiuele ebenfalls das Drehbuch schrieb, besitzt ein außergewöhnliches Gespür dafür, sich ihren Figuren anzunähern und deren zerrissenes Innenleben greifbar auf die Leinwand zu bannen, obgleich unzählige Regeln nichts als Repression diktieren. Nach den ausweglosen Gängen des Schulgebäudes erweist sich God’s Promise als ein noch unangenehmeres Gefängnis, aus denen es für Cameron kein Entkommen gab. „Nobody is beating us“, antwortet die Jugendliche später auf die Frage, ob sie den Verantwortlichen der Einrichtung vertraut. Doch der Missbrauch findet nicht nur auf physischer Ebene statt. Auch emotionale Unterdrückung ist eine Form der Gewalt, unter Umständen sogar von bedeutend zerstörerischerer Kraft.

Wenngleich The Miseducation of Cameron Post an vielen vertraute Stationen einer solchen Geschichte pausiert, verblüfft der Film mit einer klaren Sprache, die sich unmissverständlich auf die Seite von Cameron stellt und ein Gespür für die komplexe Welt schafft, in der die Protagonistin gefangen ist. Insbesondere in den verzweifelten Blicken von Chloë Grace Moretz bündelt sich der überwältigende Schmerz, der niemals ausgesprochen wird und trotzdem allgegenwärtig ist. Ständig muss sich Cameron anpassen, muss gehorchen und sich selbst betrügen, bis sie unter dem Diktat der Religion zerbricht, die ausschließlich daran interessiert ist, Grenzen zu ziehen und Mauern zu errichten, anstelle die unendliche Schönheit dieses Planeten erfahrbar zu machen. Ab einem gewissen Punkt entkommt nicht einmal die Kamera den einengenden Räumen und kontrollierenden Blicken von God’s Promise. Abgeschieden vom Rest der Welt, in unheimlichen Wäldern, herrscht eine unerträgliche Ohnmacht gegenüber Institution.

Isolation und wie gefährlich sie ist: Desiree Akhavan filtert vor allem die unscheinbaren Momente heraus, die zwischen den Dialogen und Szenenübergängen stattfinden. Momente, die von dem berichten, was sich nicht in Worte fassen lässt, und nur am Ende eines Hoffnung stiftenden Austauschs stattfinden. Und dann wären da noch jene Ausbrüche, die der vermeintlichen Ordnung mit kleinen Gesten den Kampf ansagen, vielleicht sogar auf der größten Bühne enden, die das Gefängnis zu bieten hat. The Miseducation of Cameron Post trifft dabei viele richtige Töne und vergisst nie Camerons sehnsüchtigen Blick, der sich im ständigen Konflikt mit der niederschmetternden Umgebung befindet. Nicht einmal die dominanten Erinnerungen an die 1990er Jahre vermögen der Geschichte ihre Zeitlosigkeit zu rauben. Am Ende ist es einer der schönsten stillen Fluchtversuche, die das amerikanische Independent-Kino in den vergangenen Jahren zu bieten hatte, der den Funken der Magie wieder entfacht – ein Ausblick auf Freiheit entgegen all der Unterdrückung.

The Miseducation of Cameron Post läuft im Rahmen des Unknown Pleasures – American Independent Film Festival am 16. Januar 2019 um 19:00 Uhr noch einmal im Arsenal in Berlin. 

The Miseducation of Cameron Post © FilmRise