The Mortal Storm – Kritik

The Mortal Storm

Eine dicke Schneedecke liegt über dem Süddeutschland des Jahres 1933, während uns die Kamera in die verschlafenen Straßen einer Universitätsstadt entführt. Trotz der eisigen Kälte sorgen die Aufnahmen für ein Gefühl von Geborgenheit: Hier wirkt alles behütet, verträumt und friedlich. Auch eine gewisse Unschuld strahlt diese märchenhafte Kulisse aus, besonders dann, wenn wir Professor Viktor Roth (Frank Morgan) und seine Familie kennenlernen, die mit herzlichen Gesten uns Zuschauern den geschichtlichen Wissensvorsprung vergessen lassen. Ein bemerkenswertes Idyll schafft Frank Borzage in den ersten Minuten von The Mortal Storm, in dem man sich gern verliert. Doch tief unter der Schneedecke versteckt sich eine andere, weitaus düsterere Wahrheit.

Über das Radio trifft die alles verändernde Kunde ein, wenn eine kratzige Stimme die am Geburtstagstisch versammelte Familie auseinanderreißt. Adolf Hitler ist an der Macht, lautet die Durchsage, die das Haus zum Beben bringt, einerseits vor Begeisterung, andererseits vor Furcht. Während sich die Stiefsöhne des Professors stolz auf die Schulter klopfen, verschwindet alles Leben aus dem Gesicht des Familienoberhaupts. Mit der Besonnenheit eines Gelehrten sucht der nicht über arische Wurzeln verfügende Viktor Roth nach diplomatischen Worten, schlussendlich kann er sein Entsetzen jedoch nicht verbergen. Die Euphorie im Raum vermag er nicht zu brechen. Ein Sturm zieht auf, ein tödlicher, wie es der Titel unheilvoll prophezeit.

Basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Phyllis Bottome ergründet Frank Borzage mit The Mortal Storm noch ein Jahr vor Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg in schockierenden, präzise beobachteten Bildern den Aufstieg des Faschismus in Deutschland. Schleichend findet der Wandel in der Gesellschaft statt, bis er nicht mehr aufzuhalten ist und unaussprechliche Opfer fordert. Diese werden uns von der Kamera zwar nicht direkt gezeigt, dennoch ist das Grauen immer präsent, immer greifbar – etwa in der Dunkelheit eines Konzentrationslagers oder den verängstigten, fassungslosen Blicken all derjenigen, die sich nicht von der neuen Ordnung beirren lassen. Vor ihren Augen bricht die Welt auseinander und keiner scheint zu verstehen, was wirklich passiert.

Am deutlichsten spiegelt sich der Umbruch im Gesicht von James Stewart, dessen Student Martin Breitner trotz seines unerschöpflichen Optimismus im Angesicht der Zeitenwende erblasst. Der Lebenskünstler, der er kurz zuvor noch bei Frank Capra mimte, ist völlig verschwunden, genauso wie sein Mr. Smith in Washington. Die emotionale Wucht, mit der James Stewart unter der Regie von Frank Borzage arbeitet, ereignet sich auf einer völlig anderen Ebene, vor allem im Zusammenspiel mit Margaret Sullavan, die in die Rolle der Tochter des Professors schlüpft. Ihre Freya Roth bringt eine unfassbare, zerreißende Tragik mit, die nie aufgesetzt wirkt, sondern aus der vernichtenden Figurenkonstellation des Films resultiert. Ihre Familie zerbricht – und dann ist sie ganz allein.

Getrennt, entrissen, geflohen: Auch wenn sich The Mortal Storm, seines Zeichens einer der ersten antifaschistischen Filme Hollywoods, nur in einer überschaubaren Anzahl an Schauplätzen abspielt, fängt Frank Borzage das verheerende Ausmaß der Situation ein und schafft ein Gefühl für die plötzliche Ohnmacht gegenüber der aufkeimenden Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Die Welt steuert auf den Abgrund zu, wie sich der Sturm am Himmel zusammenbraut. Was Frank Borzage dabei mit Nachdruck verdeutlicht: Die erschreckende Geschwindigkeit, mit der sich eine Idee in eine zerstörerische Bewegung verwandelt, die unaufhaltsam alles vernichtet, was nicht in ihre Vorstellung passt. Acht Dekaden später hat sich an der aufwühlenden, ungeheuerlichen Wirkung des Films nichts geändert. Keine Schneedecke kann das verstecken. 

The Mortal Storm © MGM