The Nutcracker and the Four Realms – Kritik

The Nutcracker and the Four Realms - Kritik

Mit unsichtbaren Schnitten fliegt die Kamera durch verschneite Straßen und offenbart eine märchenhafte Winterlandschaft. Magischer könnte der Einsieg in The Nutcracker and the Four Realms nich sein – und trotzdem begleitet diese ersten Minuten eine faszinierende Künstlichkeit. Unzählige Spezialeffekte aus dem Computer ermöglichen den Einstieg in die lose Leinwandadaption von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Nussknacker und Mausekönig, die sich weiterhin auf Motive aus Tschaikowskis Ballet Der Nussknacker stützt. Regisseur Lasse Hallström und Joe Johnston, der für Disney die Nachdrehs beaufsichtigte, haben einen Film geschaffen, der so exzessiv Gebrauch von seinen CGI-Welten macht wie nur wenige Blockbuster dieses Jahr. Schon bevor die junge Clara (Mackenzie Foy) ins Wunderland gelangt, verzerrt der Film seine Wirklichkeit in verträumten Aufnahmen, ehe der obligatorische Kaninchenbau-Moment die Grenzen zwischen dem Natürlichen und dem Unnatürlichen endgültig verschwimmen lässt.

Spielzeugsoldaten, die eben noch unter dem Weihnachtsbaum auf leuchtende Kinderaugen warten, marschieren plötzlich durch eine Märchenwelt, die sich in vier Reiche aufteilt. Drei dieser Reiche haben sich verbündet, um dem Schrecken der bösen Mother Ginger (Helen Mirren) standzuhalten, die das vierte Reich regiert. Hier schlummert das Unheil zwischen dürren Ästen und unendlichen Nebelschwaden, während unfreundliche Kreaturen der tapferen wie neugierigen Protagonistin Angst einjagen. Clara befindet sich auf der Suche nach einem Schlüssel, von dem sie sich erhofft, das letzte Geheimnis ihrer verstorbenen Mutter zu entschlüsseln. Ihre unerwartete Reise zeugt folglich nicht nur von einem abenteuerlichen, sondern vor allem einem symbolischen Charakter. Wenngleich Clara dem Gefängnis der echten Welt, in der die Zeit nur quälend langsam vergeht, für den Augenblick eines ganzen Abenteuers entkommen kann, bereitet sie der Film insgeheim auf die Rückkehr dorthin vor, damit sie die Zukunft verändern kann.

Die verschiedenen Welten von The Nutcracker and the Four Realms befinden sich somit stets im direkten Dialog miteinander, was eine spannende Wechselwirkung zur Folge hat. Gewissermaßen entlarvt sich der Film im Minutentakt, wenn er uns die vielen kleinen Zahnräder zeigt, die den Zauber erst ermöglichen. Hebel werden umgestellt, Knöpfe gedrückt und eine aufwendige Apparatur in Gang gesetzt, selbst wenn sich am Ende nur eine unscheinbare Schranke öffnet, die auch auf anderem Weg mit Leichtigkeit hätte passiert werden können. The Nutcracker and the Four Realms verliert sich gerne in solch verspielten Details, bevorzugt das Umständliche und entdeckt vor allem im Widerspruch seine größten Reize. Das Künstliche spielt dabei keine unbedeutende Rolle, immerhin verhandelt das Drehbuch von Ashleigh Powell und Tom McCarthy in fast jeder Szene die Wahrhaftigkeit des Gezeigten. Was ist hier echt? Was ist künstlich? Und welche Rolle spielt das überhaupt, wenn es sich bei einem Film sowieso um eine inszenierte Erfahrung handelt?

The Nutcracker and the Four Realms investiert dermaßen hingebungsvoll in seine unnatürlichen Welten, dass das Künstliche durchgängig zur Wirklichkeit wird, während nebenbei die filmische Bewegung in ihre Einzelteile aufgeschlüsselt wird. Auf das Momentum kommt es an, weiß Clara schon gleich zu Beginn des Films, wenn sie ihrem kleinen Bruder eindrucksvoll die physikalische Gesetze demonstriert. Allein eine Richtungsänderung kann alles verändern – auch das Schicksal eines verlorenen Königreichs, das plötzlich von der falschen Königin regiert wird. The Nutcracker and the Four Realms besitzt ein ungewöhnliches Bewusstsein für die Mechanik hinter der Magie und ermöglich es seinen Figuren sowie uns Zuschauern dennoch, zu staunen. Egal, wie oft Clara die Konstruktion des Märchenlands durchschaut: Dem Fantastischen steht sie genauso aufgeschlossenen gegenüber wie der Logik. Clara hat alle Richtungen im Blick, ganz im Gegensatz zu den fremdgesteuerten Spielzeugsoldaten, die sich blind durch den Film bewegen.

The Nutcracker and the Four Realms erweist sich als durchdachter Märchenfilm, der seine parabelförmige Geschichte in einem angemessen modernem Gewand präsentiert und mit großen wie kleinen Ideen begeistert. Dominiert auf der einen Seite der Überfluss, prägen auf der andere Seite ausgewählte Details den Hintergrund dieser überbordenden Märchenwelt, in der sich nicht zuletzt Keira Knightley als Sugar Plum Fairy nach Herzenslust austoben darf. Wo sich Mackenzie Foy nach ihren Auftritten in Interstellar, The Conjuring und dem Abschluss der Twilight-Saga einmal mehr als einer von Hollywoods vielversprechendsten Nachwuchsschauspielerinnen beweist, liefert Knightley eine Performance ab, die sich jenseits von Gut und Böse wiederfindet, schlussendlich aber für einige der herrlichsten Momente des Films verantwortlich ist. Diese unerwartete Schönheit des Widerspruchs gehört  genauso wie die Diskussion über Künstlichkeit und Wirklichkeit zu den Stärken von The Nutcracker and the Four Realms.

The Nutcracker and the Four Realms © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.