The Rhythm Section – Kritik

The Rhythm Section

Bevor sich Daniel Craig in seine letzte Mission als James Bond auf der großen Leinwand stürzt, liefert Reed Morano einen kompromisslosen Gegenentwurf zur Agentenreihe ab. The Rhythm Section erzählt zwar auch von jenen Menschen, die sich unerkannt im Schatten bewegen, um die Geschicke der Welt zu lenken, könnte aber kaum weiter von dem Spektakel eines James Bond-Films entfernt sein. Wenn die von Blake Lively verkörperte Stephanie versucht, die Wahrheit über den Flugzeugabsturz herauszufinden, bei dem ihre Familie gestorben ist, wird keine neue Heldin geboren, sondern die Psyche einer zutiefst traumatisierten Person seziert.

An aufwendigen Actionszenen ist Reed Morano genauso wenig interessiert wie der verführerischen Eleganz, von der die James Bond-Abenteuer für gewöhnlich begleitet werden. Fremde Länder glänzen hier nicht mit kraftvollen Farben, sondern entpuppten sich als trostlose Wüsten der Einsamkeit. Egal ob New York oder Tanger: In The Rhythm Section existiert kein Glanz, sondern nur ein kaltes Licht, das spärlich in dunkle Räume fällt, sodass die Figuren oft nur als Silhouetten in Erscheinung treten. Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Enge vereint sich mit einer ständigen Unruhe: Schon hier hat The Rhythm Section mehr mit Jason Bourne als mit James Bond gemein.

Doch Reed Morano geht zusammen mit Drehbuchautor Mark Burnell, seines Zeichens auch Schöpfer der Romanvorlage, noch einen Schritt weiter: Trotz all der Elemente einer klassischen Agentengeschichte, die im Hintergrund herumschwirren, liegt der Fokus keineswegs auf einer größeren Mythologie. Stattdessen geht es ausschließlich um die Erforschung einer Figur: Stephanie. Der Tod ihrer Familie treibt sie in eine Abwärtsspirale. Jetzt hat sie nichts mehr zu verlieren, wie sie später gegenüber dem ehemaligen MI6-Agenten Iain Boyd (Jude Law) erklärt, der sie in die Agentenwelt einführt, was alles andere als spektakulär und aufregend vonstattengeht.

Stephanie wird herumgeschubst und gedemütigt, um endgültig gebrochen zu werden. Dieses Vorgehen gleicht im Film weniger einem ausgeklügelten Trainingsprogramm als einem schonungslosen Einblick in Stephanies zerrissenes Innenleben. Da schwirren Rachegedanken durch ihren Kopf, die Erlösung versprechen, doch nichts von dem, was uns Reed Morano zeigt, deutet darauf hin, dass Stephanie den seelischen Schmerz eines Tages vergessen kann. Egal, wie oft sie sich verkleidet und eine neue Identität annimmt: Keine globale Verschwörung kann ihr Trauma kaschieren – und Blake Livelys Schauspiel transportiert diesen Konflikt überaus eindrucksvoll.

Reed Morano lässt lange Zeit offen, ob Stephanie in ihrem Zerfall irgendwann doch an einen Punkt gelangt, der sie ermächtigt und das undurchsichtige Agententreiben lenken lässt. Und es ist wahrlich spannend zu sehen, wie Blake Lively die Figur auf diesem schmalen Grat der Ungewissheit balanciert. Trotzdem wird The Rhythm Section nie zu der Charakterstudie oder dem Actionfilm, den Blake Lively spätestens seit dem großartigen Hai-Horror The Shallows verdient. Mitunter wirkt der Film, als hätte er sein eigenes Rhythmusgefühl verloren. Da fühlte sich Reed Moranos Inszenierung der ersten drei The Handmaid’s Tale-Episoden deutlich souveräner an.

The Rhythm Section © Leonine