The Sun Is Also a Star – Kritik

The Sun Is Also a Star

Eigentlich hat sie noch ihr ganzes Leben vor sich und trotzdem bleiben Natasha (Yara Shahidi) keine 24 Stunden mehr. Bereits am nächsten Tag muss ihre Familie die USA verlassen und nach Jamaika zurückkehren. Fast eine Dekade haben sie in New York City gelebt – mit der Abschiebung bricht für Natasha eine Welt zusammen. The Sun Is Also a Star, die Adaption der gleichnamigen Romanvorlage aus der Feder von Nicola Yoon, könnte kaum mit bedrückenderen Tönen beginnen. Ein letzter Versuch soll das drohende Schicksal abwenden, doch eigentlich glaubt Natasha, die sich der Wissenschaft verbunden fühlt, nicht an die übergeordneten Mächte, die das Leben auf der Erde lenken.

Daniel (Charles Melton) erscheint da als kompletter Gegensatz. Er schreibt lieber Gedichte über die Liebe in sein Notizbuch, anstelle den von seinen Eltern aufgeladenen Träumen zu folgen. Ein Bewerbungsgespräch soll in wenigen Stunden über den weiteren Verlauf seines Lebens entscheiden, eine furchtbare Vorstellung. Schlussendlich kommt in Ry Russo-Youngs Film aber alles doch ganz anders, als es sich die Figuren in den frühen Morgenstunden ausgemalt haben. Wie es der Zufall – oder eben das Schicksal will – begegnen sich Natasha und Daniel inmitten der gigantischen Metropole, hin- und hergerissen zwischen dem, was möglich ist, und dem, was die Welt um sie herum diktiert.

Auch wenn Natasha zuerst kein Nerven für die unerwartete Begegnung übrig hat, lässt sie sich auf Daniel und ein Gespräch ein. Was folgt, ist ein behutsames Annähern, das den Grundstein einer berührenden wie tragischen Liebesgeschichte bildet. Berührend, weil das Aufeinandertreffen der beiden trotz der sehr offensichtlich konstruierten Handlung überaus natürlich und aufrichtig ausfällt. Tracy Olivers Drehbuch widmet sich aufmerksam der Beziehung, die zwischen den zwei jungen Menschen entsteht und in ihren besten Momenten von verspielter, neugieriger Schwerelosigkeit geprägt ist. Die beunruhigenden Facetten hinter ihrer Begegnung geraten trotzdem nicht in Vergessenheit.

Die Tragik der Geschichte ist stets im Hintergrund präsent, nicht einmal der Soundtrack kann mit seinen lebendigen Beats und Klängen darüber hinwegtäuschen. Beide Figuren finden sich in einem Konflikt mit ihrer Familie und der Zeit wieder. In einem Tag könnte das Leben ganz anders aussehen. Das erinnert durchaus an die Before-Filme von Richard Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke: Zwei Menschen begegnen sich, die ihnen zur Verfügung stehen Zeit ist allerdings von Anfang an begrenzt – und ein Wiedersehen mehr als ungewiss. Dennoch kann innerhalb dieser 24 Stunden alles passieren, wobei The Sun Is Also a Star deutlich stärker vom aktuellen politischen Klima in den USA geprägt ist.

Wo die Before-Filme gewissermaßen die Schönheit einer grenzenlosen Welt feierten, in der sich Menschen unabhängig ihrer Herkunft an und in die schönsten Orte verlieben können, werden die Grenzen den Protagonisten von The Sun Is Also a Star zum Verhängnis. Daniels Familie ist vor vielen Jahren aus Südkorea in die USA einwanderte. Als Sohn hat er nun die Bürde aufgeladen bekommen, den amerikanischen Traum auszuleben, um die Eltern stolz zu machen und den Familiennamen zu ehren. Natasha sieht derweil ihre eigene Zukunft vor ihren Augen zersplittern. In New York ist sie aufgewachsen, das ist ihre Heimat. Aber in der ist sie plötzlich nicht mehr willkommen – und niemand interessiert sich dafür.

Die Situation ist kompliziert und Regisseurin Ry Russo-Young räumt diesem Umstand viel Platz ein, wenn sie nicht nur die Dialoge, sondern auch ihre Bilder und ihre verschiedenen Stimmungen erzählen lässt. Wo Natasha und Daniel verstummen, übernimmt die Stadt das Erzählen und transportiert wie ein dritter Hauptdarsteller ihre Gefühle – mal durch das hektische Verkehrsreiben, mal durch einen majestätischen Sonnenuntergang, der durch die Hochhäuser blitzt und New York traumhaft schön aussehen lässt. Diesen Genuss für den Ort teilt sich The Sun Is Also a Star mit den Before-Filmen – nichts ist kostbarer, als gemeinsam durch die Gegend zu schlendern, in einer zusätzlichen Stunde, die sich gerade aufgetan hat, völlig unverhofft und trotzdem wertvoll bis zur letzten Sekunde.

Irgendwann tritt jedoch das Unvermeidbare ein und ein neuer Tag bricht an. Obwohl er zu Beginn des Films in all seiner Bedrohlichkeit angekündigt wurde, haben es die nachfolgenden Stunden und Minuten nicht einfacher gemacht, sich auf ihn vorzubereiten. Auch Ry Russo-Young hadert sichtlich mit diesem Moment, der wie ein Damoklesschwert über den Ereignissen schwebt, und wählt schlussendlich einen Kompromiss, der weniger ambivalent ist, als er es gerne sein würde. Dennoch bleiben die unheimlich liebevoll komponierte Augenblicke zwischen Natasha und Daniel, die aus der gleichermaßen naiven wie reflektierten Chemie zwischen Yara Shahidi und Charles Melton resultieren.

The Sun Is Also Star © Warner Bros.