Tigertail – Kritik

Tigertail

Pin-Jui (Hong-Chi Lee) rennt im Taiwan der 1950er durch prächtig blühende Reisfelder und stolpert. Er glaubt, etwas gesehen zu haben, was gar nicht da ist: seine Eltern. Pin-Jui lebt bei seinen Großeltern, da der Vater verstorben und die Mutter auf der Suche nach Arbeit ist. Im Bruchteil einer Sekunde trifft eine vermeintlich unbeschwerte Kindheit auf die tragische, vom politischen Klima jener Zeit geprägte Lebensrealität. Die Nationale Volkspartei Chinas hat das Land fest im Griff. Pin-Jui, der nicht registriert ist, muss sich demnach verstecken, wenn Kontrollen durch das Militär stattfinden. In seiner Heimat ist er nicht willkommen.

Die sonnigen Bilder, die Tigertail anfangs begleiten, werden somit schnell ihrer unschuldigen Magie beraubt. Die Erinnerung bringt im Alan Yangs Spielfilmdebüt vor allem eine aufwühlende Vergangenheit mit vielen Schattenseiten zum Vorschein, die den Protagonist der Geschichte bis in die Gegenwart verfolgt. Jetzt lebt Pin-Jui (Tzi Ma) in New York und realisiert, dass sich sein amerikanischer Traum nur aus einer Reihe Niederlagen und Versäumnissen zusammensetzt. Die große Liebe aus seiner Kindheit und Jugend, Yuan (Yo-Hsing Fang), hat er gegen eine arrangierte Ehe in den USA getauscht.

Noch mehr schmerzt aber die brüchige Beziehung zwischen ihm und seiner erwachsenen Tochter  Angela (Christine Ko), die sich zunehmend von ihm entfremdet. Pin-Jui ist gefangen in einer verheerenden Ohnmacht und zerrissen zwischen zwei Leben: Eines, das er hatte, und eines, das ihm zu entgleiten droht. Alan Yang, der sich als Co-Schöpfer der einfühlsamen wie geistreichen Serien Master of None und Forever einen Namen gemacht hat, bewegt sich mit Tigertail auf den Spuren seines eigenen Vaters, der aus Taiwan in die USA immigrierte und mit seiner Vorstellung von Amerika konfrontiert wurde.

Eine Enttäuschung, die zur Routine wird und einen abstumpfen lässt: Genau damit kämpft Pin-Jui innerlich, wenn er schweigsam neben seiner Tochter sitzt und nicht einmal weiß, wie er einen Zugang zu ihr finden soll. Tzi Mas körperliche Präsenz allein bringt diese Tragik bemerkenswert zum Ausdruck, sobald die Figuren dann aber tatsächlich in einen Dialog treten, gehen Alan Yangs Drehbuch die Worte aus. Sein Film ist deutlich stärker, wenn er seine 16mm-Aufnahmen sprechen lässt und in jene Vergangenheit eintaucht, in der sich Pin-Jui noch nicht erklären musste, sondern seinen Träumen hinterherjagte.

Berührend ist diese lebensfrohe, neugierige, aber auch traurige und stille Liebesgeschichte, die von Otis Reddings Stimme begleitet wird und im Mondlicht ihren zerbrechlichen Höhepunkt findet. Entgegen dem Kitsch, den diese Umschreibung erwarten lässt, befinden sich die einzelnen Elemente in einem verzaubernden Einklang, ähnlich ausgewogen und berührend, wie es Alan Yang schon in den schönsten Momenten von Master of None gelungen ist. In der letzten Einstellung führt er dann schließlich auch beide Hälften seines Film in einem verblüffenden Blick durch das Fenster der Zeit zusammen.

Tigertail © Netflix