Tully – Kritik

Tully - Kritik

Nachdem Charlize Theron als frisch geschiedene und dem Alkohol verfallene Ghostwriterin durch den fantastischen Young Adult stolpern durfte, hat sich das Team der Tragikomödie erneut zusammengeschlossen und im Mai dieses Jahres den geistigen Nachfolger Tully in die Kinos gebracht. Neben Hauptdarstellerin Theron gehört zu diesem Team in erster Linie Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody, die für den – ebenfalls von Reitman inszenierten – Juno den Oscar für das Beste Originaldrehbuch erhalten hat. In Tully vereinen sich nun viele vertraute Elemente aus beiden zuvor genannten Filmen – und dennoch offenbart diese Coming-of-Age-Geschichte für Erwachsene eine völlig eigene, besondere Dynamik.

Etwas Geheimnisvolles versteckt sich in Tully, obwohl der Film zuerst einer Montage von Nervenzusammenbrüchen gleicht. Die sonst so idyllischen Vororte New Yorks entpuppen sich als stressige Hölle für Marlo (Charlize Theron), die inzwischen das 40. Lebensjahr überschritten hat. Als Mutter von zwei Kindern vergeht keine Minute ohne mindestens eine mittelgroße Katastrophe, die es zu bereinigen gilt. Eine ungewollte Schwangerschaft führt jedoch dazu, dass Marlo ein drittes Kind erwartet. Während sich ihr Mann Drew (Ron Livingston) passiv im Hintergrund versteckt, inszeniert Jason Reitman einen Albtraum aus Überforderung und Einsamkeit.

Egal, wie sehr sich Marlo bemüht: Sie erfährt eine Niederlage nach der anderen. Reitman und Cody gestalten diese Situationen als groteske, schmerzliche Erfahrungen. Als eines Tages aber die stets gut gelaunt und immer zuvorkommende Tully (Mackenzie Davis) in der Tür steht, verwandelt sich der stressige Hürdenlauf in ein Märchen, das die Zeit zum stehen bringt. Obwohl Marlo das Angebot einer Night Nanny – vorgeschlagen von ihrem arroganten Bruder Craig (Mark Duplass) – bis dato nicht annehmen wollte, wird sie von Tullys Charme geradezu entwaffnet. Kaum betritt die junge Frau die Wohnung, gehen Marlo die Gegenargumente aus. Stattdessen lässt sie sich auf die ungewöhnliche Begegnung ein und vertraut der Fremden das Wertvollste in ihrem Leben an.

Verträumt gestalten sich der nächste Teil des Films, ehe eine unerwartete Wendung die glücklichen Momente, die Marlo mit Tully erlebt, komplett in den Schatten stellt. Zum Geheimnisvollen gesellt sich plötzlich etwas Ungeheuerliches, etwas Bedrohliches. Tully, dem Film, gelingt es danach nie wieder so recht, Fuß zu fassen und ein beruhigendes Ende zu finden. Die Gefühle, die Jason Reitman und Diablo Cody provozieren, sind dennoch überwältigend und versetzen in eine eigenartige Stimmung, die sehr schön den Zwiespalt aus Geborgenheit und Unsicherheit einfängt. Und dann wären da noch Charlize Theron und Mackenzie Davis, die Tully ein faszinierendes Eigenleben einhauchen, mit jedem Blick, den sich sich neugierig wie skeptisch zuwerfen.

Tully © DCM

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.