Vox Lux – Kritik

Vox Lux

Am Anfang ist da die Stimme von Willem Dafoe, seines Zeichens der Erzähler von Vox Lux. Warm und vertraut fühlt sie sich an – seine Worte könnten einen Ozean voller Träume füllen. Ausgerechnet dieser eine Traum, um den Brady Corbets zweite Regiearbeit kreist, offenbart sich allerdings als ein düsterer, ein angsteinflößender. Wo eben noch unschuldige Amateuraufnahmen in ein Amerika voller Möglichkeiten entführten, sind es im nächsten Augenblick die Schüsse in einem Schulhaus, die das Leben der jungen Celeste (Raffey Cassidy) und ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin) für immer verändern sollen. Da fehlen selbst Willem Dafoes allwissendem Erzähler die Worte. Eine betäubende Leere breitet sich aus.

Später füllen bedrohliche Streicher und unterkühlte Bilder diese Leere. Komponist Scott Walker und Kameramann Lol Crawley schaffen mit ihrer Arbeit eine geradezu endzeitliche Stimmung, die sich wie ein großer Schatten über den Film legt und selbst im hoffnungsvollsten Moment nicht komplett verschwindet. Etwas ist kaputtgegangen, tief im Inneren von Celeste. Trotzdem schöpft sie aus dem Schicksalsschlag den Mut und die Kraft, sich ihrer Zukunft zu stellen. Ein Lied, das sie zusammen mit ihrer Schwester geschrieben hat, um das erlebte Grauen zu verarbeiten, verwandelt sich über Nacht in die Hymne einer trauernden Nation – und Celeste in einen Popstar, der vorherbestimmt ist, die größten Bühnen der Welt zu erobern.

Die Erfolgsgeschichte vor dem Hintergrund einer Tragödie: Brady Corbet balanciert in Vox Lux eine erschlagende Bandbreite an Gefühlen, die alles andere als einfach zu akzeptieren sind. Besonders wenn wir in der zweiten Hälfte des Films Celeste (Natalie Portman) als erwachsene Frau kennenlernen, fächert Vox Lux ungeahnte Abgründe auf, die aus alten Traumata resultieren und neue zutage fördern. Es ist frustrierend, fordernd und niederschmetternd, ihrem Auf- und Abstieg zu folgen. Die Figuren werden hässlicher, kantiger, unangenehmer. Gleichzeitig findet Brady Corbet in diesem Gefühlschaos eine Zerrissenheit, die berührt und lange über den Abspann hinaus begleitet.

Schonungslos und eindrucksvoll dringt Vox Lux zum zerbrechlichen Kern der Figuren vor, insbesondere dann, wenn die Gestaltung der filmischen Räume zum Spiegel ihres Innenlebens werden. Dadurch entsteht eine kompromisslose Intimität, die mitunter abschreckt, schlussendlich aber in ihren Bann zieht und vergeblich auf den Augenblick der Erlösung hoffen lässt. Celeste stolpert durch Hotelräume, Studioflure und die Straßen von New York – alles wirkt kalt, anonym und ungeheuerlich. Monströse, leblose Bauten ragen in den Himmel, allerdings ohne das Versprechen von Unendlichkeit, sondern mit erdrückender Last. Der Popstar in einer apokalyptischen Welt – dagegen gleicht Bradley Coopers A Star Is Born-Remake einem Spaziergang im Park.

In Vox Lux herrscht dagegen eine unheimliche Feindseligkeit, die hinter jeder Ecke lauert, um die Figuren zu überfallen, wenn sie rastlos ihrer eigenen Vergangenheit zu entkommen versuchen. Ein selbstzerstörerisches Element regiert diese Welt, während Brady Corbets Drehbuch abseits des persönlichen Dramas die amerikanische Geschichte der letzten 20 Jahre streift. Das passiert meistens nur für den Bruchteil einer Sekunde, hinterlässt aber trotzdem ein beunruhigendes Gefühl. Die bedrohlichen Streicher und unterkühlten Bilder vom Anfang kommen zurück, während sich die Wiederholung im Kampf mit der Veränderung befindet. Nur Sias extra für den Film komponierte und von Natalie Portman und Raffey Cassidy eingesungenen Songs stellen sich gegen die alles verschlingende Dunkelheit.

Am Ende bleibt nur die Flucht auf die Bühne. Entgegen aller Niederlagen bewegt sich Vox Lux wie vorherbestimmt auf ein großes Konzert als Finale zu, das die Katharsis der Figuren so lange wie möglich hinauszögert. Im Einklang mit der Musik ein Lächeln: Selbst in den allerletzten Sekunden dieses ungeheuerliches Werkes ist ungewiss, welche der vielen Oberflächen im Scheinwerferlicht erstrahlt. Wieder blitzt er durch, der düstere Traum, bevor die Stille des Abspanns alle Gefühle verschluckt und einen Scherbenhaufen zurücklässt, so wunderschön wie verstörend. Vox Lux ist eine Tour de Force von einem Film, rau, aufwühlend und beängstigend – und manchmal atemberaubend.

Vox Lux © Kinostar Filmverleih