Yesterday – Kritik

Yesterday

„Help me!“, schreit Jack Malik (Himesh Patel) in einer Schlüsselszene von Yesterday. Unzählige Fans haben sich versammelt, um die Enthüllung seines ersten Albums zu bezeugen – doch an diesem Punkt steckt er schon viel zu tief in einem Labyrinth aus Lügen fest. Das musikalische Genie Jack Malik existiert gar nicht. Stattdessen hat sich der erfolglose Musiker großzügig am Werk der Beatles bedient, die nach einem 12-sekündigen Stromausfall komplett aus dem Gedächtnis der Menschheit radiert wurden. Plötzlich erinnert sich niemand mehr an John, Paul, George und Ringo, wie eine schnelle Google-Suche ergibt. Von ihren legendären Songs fehlt ebenso jegliche Spur in den Geschichtsbüchern.

Während wir im Kino zuletzt den Aufstieg populärer Bands und Sänger verfolgen durften (Queen in Bohemian Rhapsody und Elton John in Rocketman) lässt der neue Film von Danny Boyle gleich in den ersten Minuten sämtliche Hinweis auf eine der einflussreichsten Musikgruppen der Geschichte verschwinden. Nur Jack weiß um das Vermächtnis der Beatles und beginnt, mit ihren Songs seine eigene, bisher kümmerliche Diskographie auszubauen. Über Nacht wird er zum Weltstar. Selbst Ed Sheeran, der in Yesterday eine unglücklich-ironische Version von sich selbst spielt, muss feststellen, dass er nicht länger der größte gegenwärtige Singer-Songwriter ist, denn Jack veröffentlicht ein Meisterwerk nach dem anderen – nur machmal, da kann er sich nicht mehr an die genauen Lyrics erinnern.

Im Anschluss folgt der Film einer klassischen Underdog-Story, wie sie in Danny Boyles Vita etwa in Form von Slumdog Millionaire zu finden ist. Der Autor von Yesterday ist jedoch ein anderer: Richard Curtis. Sein Drehbuch gestaltet sich vorrangig als romantische Komödie, die sich vor dem musikalischen Beatles-Hintergrund entfaltet und wie eine geistige Fortsetzung von About Time anfühlt. Da waren es Zeitreisen, die mit einer tragischen Liebesgeschichte kollidierten. Nun sorgt der fantasievolle Einschlag für eine alternative Geschichtsschreibung – allerdings ohne die Möglichkeit, die Dinge im Handumdrehen rückgängig zu machen. Das merkt auch Jack, der sich anfangs sorglos in sein Abenteuer als weltbekannter Musiker stürzt, schon bald aber mit den unangenehmen Konsequenzen seiner Handlungen konfrontiert wird.

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr plagt ihn sein Gewissen: Nicht nur gibt er das Werk der Beatles als sein eigenes aus. Nein, unter seiner unerwarteten Karriere leidet ebenfalls sein Privatleben – und vor allem die Beziehung zu seiner ältesten Freundin, Ellie (Lily James). Sie hat Jack immer unterstützt, ihre Gefühle wurden aber nie erwidert, obwohl für alle Außenstehenden mehr als offensichtlich ist, dass die beiden zusammengehören. Das zerreißende Element so vieler Romcoms ist folglich tief in der DNA von Yesterday verankert, berühren will der Film trotzdem nicht, was auf die zwei kreativen Kräfte zurückzuführen ist. Danny Boyle und Richard Curtis sind ein vielversprechendes Gespann: Genauso wie Jack und Ellie finden sie allerdings auch nicht zusammen.

Die Handschriften der beiden Filmemacher sind deutlich zu erkennen. Danny Boyle liefert moderne und stylishe Bilder, während Richard Curtis im Drehbuch viele der Motive behandelt, die bereits seine vorherigen Arbeiten ausgezeichnet haben. Diese zwei kreativen Kräfte schließen sich keineswegs aus, wollen sich in Yesterday allerdings trotzdem nicht vereinen, besonders dann, wenn die Romcom-Aspekte dem satirischen Unterton weichen und all die spannenden Gedanken über den Erfolg, die Liebe und die Musikindustrie auf Autopilot abgespult werden. Kritische Impulse verkommen zu oberflächlichen Randnotizen, große Gefühle dürfen sich nur im begrenzten Rahmen entfalten – und die Musik der Beatles wird zunehmend an den Rand gedrängt.

Yesterday beweist erschreckend wenig Interesse daran, die Genialität hinter Jacks neuen Songs zu erkunden, obgleich diese beständig erwähnt und von allen auftretenden Figuren gefeiert wird. Klar, die Harmonien der Beatles treiben das Geschehen problemlos an und beflügeln jede Montage. Schlussendlich wird der Film damit aber weder dem Schaffen der Band gerecht, noch fügt er diesem eine neue Facette hinzu. Besonders nach dem großartigen Steve Jobs entpuppt sich Yesterday als Enttäuschung, wusste Danny Boyle hier sehr gut mit einem unverwechselbaren Autor die Essenz seines Protagonisten präzise und geistreich in drei fesselnden Akten zu bündeln. Yesterday lässt diese Finesse vermissen und einigt sich darauf, einfach nur nett zu sein.

Wenn Jack später das eingangs erwähnte „Help me!“ in die Menge schreit und damit nicht nur den nächsten Beatles-Song als seinen eigenen ausgibt, sondern uns Zuschauern ebenso Einblick in sein gequältes Inneres gewährt, besitzt dieser Moment nur halb so viel Wucht, wie er könnte. Yesterday verschwendet viel Potential und stellt überraschend wenig Fragen – gerade im Hinblick auf die Prämisse, die durchaus das ein oder andere Gedankenspiel in Gang setzt, ohne jemals wieder darauf zurückzukommen. Einen gewissen Charme behält sich der Film trotzdem bis zum Schluss, da Himesh Patel und Lily James schlicht eine tolle Chemie besitzen. Nicht einmal Kate McKinnon als schamlose Managerin kann die beiden auseinandertreiben.

Yesterday © Universal Pictures