Zero Dark Thirty – Kritik

Zero Dark Thirty

Kathryn Bigewlos eindrucksvolles Irak-Kriegsdrama The Hurt Locker hallt immer noch nach. Gemeinsam mit Autor Mark Boal realisierte sie ein außerordentliches Zusammenspiel von Drehbuchschreibung und Inszenierung, das auch über den die bewegten Bilder hinaus für hitzige Diskussionen sorgte. Folglich erhielt auch die nächste Kollaboration des erprobten Duos – nicht zuletzt aufgrund der explosiven Prämisse – ein ungewöhnlich hohes Maß an Aufmerksamkeit. Zero Dark Thirty beschäftigt sich mit der Jagd der CIA auf al-Qaida-Anführer Osama bin Laden.

Zum Zeitpunkt der Vorproduktion war der Terrorist jedoch noch am Leben. Erst später erfolgte seine Tötung durch den Zugriff von Navy Seals in Pakistan. Daraufhin war eine Überarbeitung des Skripts von Nöten: Wenngleich Kathryn Bigelow nun anstelle ihrer ursprünglichen Vision den tatsächlich eingetreten Zeitgeschehnissen folgt, verkommt Zero Dark Thirty nicht zum patriotischen Werk als Reaktion auf den militärischen Erfolg, sondern schildert in erster Linie die Geschichte eines Individuums im unübersichtlichen, außer Kontrolle geratenem Kriegsgeschehen.

Selbst zwei Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist die westliche Welt gezeichnet von den verheerenden Folgen des traumatischen Ereignisses. In dieser Phase der Unruhe wird CIA-Analytikerin Maya (Jessica Chastain) nach Pakistan versetzt, um ein dort stationiertes Team bei der Suche nach dem vermeintlichen Drahtzieher, al-Qaida-Gründer Osama bin Laden, zu unterstützen. Noch nicht mit allen Wassern gewaschen, stürzt die junge Frau in den herrschenden Strudel aus Chaos, Ungewissheit und unzähligen Verhören – inklusive unmenschlicher Foltermethoden.

Doch die Menschenjagd verändert sowohl Gejagte als auch Jäger. Während Spuren, Hinweise sowie die immer wiederkehrende Nennung eines Kuriers namens Abu Ahmed (Tushaar Mehra) schließlich zur Operation Neptune’s Spear führen, wandelt sich ebenfalls Mayas anfangs von wenig Erfahrung geprägtes Engagement zur zielgerichteten Obsession für die Mission. Doch was steht am Ende einer Hatz, die urplötzlich zum einzigen Lebensinhalt, zur einzigen Bestimmung avanciert ist?

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass in Zero Dark Thirty eindeutig das Schicksal der Protagonistin im Vordergrund steht und erst anhand ihres Handelns sowie ihres Erlebens die historische Geschichte in – teilweise wunderschönen – Bildern aufgeht. Mark Boal rückt das Individuum im Kampf sowie Zusammenspiel mit Parteien, Institutionen und Kulturen, die sich durch unterschiedliche Ansichten unterscheiden, in den Vordergrund des Films. Dadurch umschifft er eine patriotische Einstellung des Films und versteht es, hinter die Mechanismen und Machtstrukturen zu blicken.

Mark Boal verleiht der im Grunde keineswegs humanen Menschenjagd einen unerwartet ehrlichen sowie menschlichen Charakter. Perfekt ergänzend gewährt Kathryn Bigelows lethargische Inszenierung, die paradoxerweise ebenso fesselnd wie intensiv in Erinnerung bleibt, den Drehbuchstärken filmischen Raum. Wie schon in The Hurt Locker arbeiten die zwei kreativen Köpfe äußerst eng miteinander. Das Resultat ist eine fesselnde Umsetzung des Skripts, die auch in den Bildern die Ambivalenz der Geschichte zutage fördert.

Zwischen klassischen Bausteinen eines Kriegsfilm spinnt sich behutsam und ausführlich ein spannendes Thriller-Drama, das durchaus die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers erfordert. Gleichzeitig unterdrückt Kathryn Bigelow etwaige Langatmigkeit, da ihr Film ein starkes Zentrum besitzt: Jessica Chastain. Die US-amerikanische Schauspielerin sammelte in den vergangenen Jahren durch bemerkenswerte Darstellungen wie beispielsweise in Terrence Malicks Lebensodyssee The Tree of Life und Jeff Nichols’ Ausnahmewerk Take Shelter einiges anAnerkennung.

Die Verkörperung von Maya in Zero Dark Thirty untermauert erneut ihre Fähigkeiten, was nicht zuletzt durch die greifbare Wandlung ihrer faszinierenden Figur ans Licht gebracht wird. Das gleichzeitig entschlossene, aber genauso instabile Innenleben der Protagonistin fungiert als menschlicher sowie von Fehlern und Ehrgeiz gezeichneter Wegbereiter in der authentischen Atmosphäre, die momentan – unterstützt durch die mediale Aufmerksamkeit aufgrund der Oscar-Präsenz – ausgiebig diskutiert wird.

Am Ende folgt ein Akt, der ähnlich wie die Eröffnungssequenz in The Hurt Locker von einmaliger Intensität geprägt ist und Zero Dark Thirty in die Nähe eines Meisterwerks rückt: Es ist der erhöhte Pulsschlag, die unaufhaltsame Bewegung der Rotorblätter, die Ruhe vor dem Sturm. Eine unheimliche Bedrohung, resultierend aus dem unaufgeregten Vorlauf, bahnt sich an und die Apokalypse im berauschenden Bilderreigen ist unvermeidbar.

Alexandre Desplats pochender Score treibt mittels beunruhigendem Rhythmus das Geschehen zu dem Punkt, an dem es kulminieren müsste. Ein Paukenschlag, Explosion, Erlösung. Doch nach einem Augenblick der Anspannung, der Eskalation, des Unberechenbaren folgt Leere. Unbeschreibliche Leere, die den Ausdruck von Verzweiflung völlig in den Schatten stellt und am liebsten lauthals schreiend aus dem Inneren der Protagonistin herausbrechen würde – allerdings fehlen jegliche Worte, um den soeben überlebten und gleichzeitig noch bevorstehenden Weltuntergang zu beschreiben.

Zero Dark Thirty © Universal Pictures