Fantastic Beasts and Where to Find Them – Kritik

Fantastic Beasts and Where to Find Them - Kritik

„Alohomora!“ Zweifelsohne gehört dieser Zauberspruch zu den bekanntesten, die sich J.K Rowling in ihrer Harry Potter-Reihe ausgedacht hat. Bereits im ersten Schuljahr lernen Harry, Hermine und Ron den nützlichen Kniff, um verschlossene Türen und Fenster zu öffnen. Gerade in Anbetracht späterer Zaubersprüche – wie etwa die drei unverzeihlichen Flüche – wirkt ein solche Beschwörungsformel geradezu harmlos. Dennoch zählt sich wohl zu den wertvollsten überhaupt. Sie ermöglicht es nämlich, in eine Welt einzutauchen, die sonst nur im Verborgenen liegt, und Abenteuer zu erleben, die sonst nur in Geschichten und Erzählungen nachzulesen sind.

Der Alohomora-Zauber setzt sich über Grenzen hinweg und erweitert den Horizont, wenngleich er unter Umständen voraussetzt, dass man exakt den Gang betreten muss, der von sämtlichen Instanzen als verbotenes Territorium auserkoren wurde. Es birgt folglich auch eine Gefahr, sich in das Unbekannte, sich in das Neue zu wagen. Fantastic Beasts and Where to Find Them stößt es dennoch auf, das Tor in eine völlig neue Welt, und markiert dabei gleichzeitig die triumphale Rückkehr an einen vertrauten Ort, der mit Harry Potter and the Philosopher’s Stone vor 15 Jahren zum ersten Mal im Kino verzauberte.

Wie schon J.R.R. Tolkien die Geschichte von Mittelerde mit zahlreichen Begleitwerken fütterte, hat sich J.K. Rowling in den vergangenen Jahren um den Ausbau des Harry Potter-Universums gekümmert. Auf Pottermore finden regelmäßig weiterführende Texte rund um die Zauberwelt ihren Weg ins Internet. Darüber hinaus existieren diverse Bücher, die zuvor in der Geschichte des Jungen, der überlebte, als Randnotiz auftauchten. Quidditch Through the Ages sollte jeder Schüler in Hogwarts gewesen haben. Ebenso darf The Tales of Beedle the Bard in jedem gut sortierten Zaubererhaushalt nicht fehlen.

Und dann gibt es da noch das von gewissen Newt Scamander verfasste Lehrbuch Fantastic Beasts and Where to Find Them, das sich mit außergewöhnlichen Tierwesen aller Couleur beschäftigt. Besagter Newt Scamander wird nun zum Protagonist des gleichnamigen Kinofilms und gelangt im Rahmen einer Exkursion ins New York des Jahres 1926. Die Metropole selbst gleicht einer magischen Bestie, die niemals schläft und sich unermüdlich in Bewegung befindet – unmöglich zu bändigen. Hochhäuser ragen in den Himmel und auf den Straßen herrscht reges Treiben: Ein ständiges Kommen und Gehen, doch eine dunkle Macht sorgt für Angst und Schrecken.

Auf einmal ist er ganz klein, der von Eddie Redmayne verkörperte Zauberer, der eben um die Erde reiste und die absonderlichsten Kreaturen gesehen hat. Staunend und ein bisschen eingeschüchtert steht er inmitten der pulsierenden Stadt und droht den Überblick zu verlieren, sodass ihm nicht zuletzt ein paar seiner fantastischen Tierwesen entkommen, die er in einem Koffer bei sich trägt. Es dauert nicht lange, bis das Chaos die Überhand gewinnt und Newt erkennen muss, dass er allem Entdecker- und Forschergeist zum Trotz längst nicht alle Ecken dieser Erde gesehen und verstanden hat.

Fantastic Beasts ist wahrhaftig ein neues Abenteuer und J.K. Rowling, die hier ihr Debüt als Drehbuchautorin abliefert, beweist einmal mehr, dass sie zu den ganz großen Geschichtenerzählerinnen unserer Zeit gehört. Wo die meisten Franchises, die aktuell ihren Weg zurück auf die große Leinwand finden, zwanghaft versuchen, etablierte Bestandteile zu neuem Leben zu erwecken, fühlt sich der Ausflug ins New York der 1920er Jahre frisch und unverbraucht an. Mit wenigen, beiläufigen Handgriffen verankert J.K. Rowling das Geschehen im Harry Potter-Universum, lässt dann jedoch die Zeit in Hogwarts gekonnt hinter (beziehungsweise vor) sich.

Es vergehen keine zehn Minuten, da hat Fantastic Beasts seine eigene Stimme gefunden, die leichtfüßig narrative Motive des Originals adaptiert und engagiert eigene Akzente setzt. Das Setting lässt sich dabei definitiv unter den spannendsten Elementen, die das Spin-off zu bieten hat: Von der britischen Aura ist nur noch Newt übrig geblieben, der selbst erst lernen muss, dass ein Muggle in Amerika als No-Maj bezeichnet wird. Hingebungsvoll verschreibt sich J.K. Rowling dem Worldbuilding auf amerikanischen und speziell New Yorker Boden und kann sich dabei blind auf die Unterstützung der restlichen Crew verlassen – angefangen bei Regisseur David Yates.

Bereits bei den letzten vier Harry Potter-Filmen saß der britische Filmemacher, der seine Wurzeln im Fernsehen hat, auf dem Regiestuhl und bereicherte die Reihe mit seinem eindrucksvollen Streben nach Weiterentwicklung. Keiner seiner Harry Potter-Filme fühlt sich gleich an und diese Eigenschaft trifft ebenfalls auf Fantastic Beasts zu. Nach einem Blockbuster-Sommer, der abseits weniger Highlights vor allem mit tragischen Enttäuschungen und öder Routine glänzte, ragt die Schnitzeljagd durch New Yorks Straßen, Häuser und U-Bahnhöfe richtig heraus. Gleichermaßen verspielt und ernst: Ein Balanceakt, der Begeisterung und Neugier für die eigene Sache versprüht und weckt.

Obgleich der letzte Akt in seinem epischen Tohuwabohu den gegenwärtigen Blockbuster-Konventionen nicht komplett entsagen kann, ist Fantastic Beasts an diesem Punkt sämtlichen Kollegen überlegen, denn die Erzählung findet hier tatsächlich ihren treffsicheren Höhepunkt und muss nicht durch überwältigendes Spektakel behauptet werden. Neben der detailfreudigen Inszenierung und James Newton Howards facettenreichem Score, der erstaunlich wenig Gebrauch der Harry Potter-Themen macht, dürften an dieser Stelle die Figuren als Herzstück des Films genannt werden – von den liebenswürdigen, in ihrer Darstellung ausgemalten Fabelwesen ganz zu schweigen.

Zum ersten Mal rückt ein Muggle beziehungsweise No-Maj in den Mittelpunkt der Ereignisse. Dan Fogler verkörpert den etwas tollpatschigen Jacob Kowalski, der ein gänzlich unscheinbares Leben unter all den Menschen führt, die genauso wie er, jeden Tag zur Arbeit gehen. Dennoch verfolgt er einen Traum – und dieser Traum hat letzten Endes zur Folge, dass er mehr oder weniger unfreiwillig zum treuen Weggefährten von Newt auf seiner Odyssee wird. Eine ungleiche Beziehung, die aus Augenblicken des Unglaubens entsteht und bis zum Schluss eine entscheidende Rolle im emotionalen Konstrukt der Narration einnimmt.

Der Kniff folgt einem ähnlichen Muster, wie es zuletzt in Star Wars: The Force Awakens zu sehen war. John Boyegas Finn irrt am Anfang als Stormtrooper durch die Wüste von Jakku – sprich: Er ist eine der unzähligen gesichtslosen Figuren, die jahrzehntelang Star Wars prägten, jedoch nie über eine eigene Identität verfügten. Jacob folgt dieser Tradition und offenbart dabei ein völlig ungeahntes Spektrum an Möglichkeiten, um den Potter-Kosmos in eine Richtung auszubauen, die sich auch in Zukunft als ergiebiger Quell vielschichtiger Konflikte behaupten kann. Generell hat J.K. Rowling in Fantastic Beasts das Weltliche nicht vergessen und öffnet einige Diskurse von aktuellem Belang.

Ohne je wie eine Parabel zu wirken, erzählte schon Harry Potter eine Geschichte von essentieller Allgemeingültigkeit. Seien es die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern oder die geschichtlichen Verweise, die in unterschiedlichster Form die Zauberwelt gestalteten: Auch Fantastic Beasts weiß über die Grenzen eines Spielfilms hinaus zu erzählen und verbindet diesen willkommenen Umstand stets mit hoffnungsvoller Magie. Vielleicht hätte dieses mitreißende Märchen zu keinem denkbar besseren Zeitpunkt ins Kino kommen können. Und es stimmt optimistisch, dass wir uns noch mindestens vier Mal mit Newt und Co. in neue Abenteuer, in neue Welten stürzen können. „Alohomora!“

Postskriptum: Da weiter oben nur Eddie Redmayne und Dan Fogler Erwähnung fanden – der gesamte Cast ist fabelhaft. Katherine Waterston spätestens seit Inherent Vice, Queen of Earth und Steve Jobs auf jeder Liste stehen und Colin Farrell verschmilzt geradezu mit seiner Figur. Gleiches gilt für Alison Sudol und Ezra Miller, der wohl zu einem der vielseitigsten Schauspieler seiner Generation gehört.

Fantastic Beasts and Where to Find Them © Warner Bros.

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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