Aladdin – Kritik

Aladdin

Live-Action-Adaptionen beliebter Disney-Klassiker sind im Jahr 2019 keine Seltenheit mehr. Immer wieder plünderte das Studio den eigenen Fundus, um die vertrauten Geschichten im neuen Glanz auf der großen Leinwand erstrahlen zu lassen. Zuletzt inszenierte Tim Burton mit Dumbo einen dieser Realfilme, nun ist Guy Ritchie an der Reihe. Er verantwortet die Verfilmung von Aladdin – ein Umstand, der bereits lange vor Kinostart für Aufsehen sorgte. Ausschlaggebend dafür ist die unerwartete Kombination: Empfiehlt sich Tim Burton aufgrund seiner Filmographie als der ideale Dumbo-Regisseur, macht das Engagement von Guy Ritchie bei Aladdin auf den ersten Blick vor allem eines, nämlich stutzig.

Britische Gangsterfilme mit eigenwilligen Montagen und markante Schnitten dominieren Guy Ritchies Schaffen. Mit Sherlock Holmes und King Arthur: Legend of the Sword hat er seinen unverkennbaren Stil auch nach Hollywood geschmuggelt, der Erfolg war allerdings nicht immer auf seiner Seite. Guy Ritchies Filme sind für gewöhnlich düster und dreckig, mitunter aber auch extrem flott und elegant, wie The Man from U.N.C.L.E. bewiesen hat. Mit einem klassischen Disney-Film hat das alles jedoch wenig zu tun – und das macht neugierig, besonders im Hinblick auf das ideenlose Update von Beauty and the Beast, bei dem sich Regisseur Bill Condon sklavisch dem Original unterworfen hatte. Aladdin anno 2019 zeugt da von einer völlig anderen Energie.

Selbst wenn sich die Geschichte in großen Teilen am Zeichentrickfilm von 1992 orientiert, entwickelt der neue Aladdin zunehmend eine eigene Dynamik. Guy Ritchie bringt eine große Lust für Actionszenen mit, die auffälligeren Merkmale seines Regiestils kommen aber nur bedingt zum Einsatz. Stattdessen verlässt er sich auf seine Erfahrung als Musikvideo-Regisseur und bannt ein gewaltiges Fantasy-Abenteuer-Musical auf die große Leinwand, das in seinen besten Momenten dermaßen packend ist, dass man alles um sich herum vergisst. Aladdin ist ein spektakuläres Unterfangen, reich an Farben, und bietet eine fantastische Welt zum Entdecken. Der Film will gar nicht zur Ruhe kommen, es ist Fluch und Segen zugleich.

Genauso wie sein Protagonist (Mena Massoud) hechtet er von einem Häuserdach zum nächsten und vereint die wagemutigen Sprünge mit der treibenden Kraft von Alan Menkens temperamentvollen Kompositionen, die für einen Großteil der vertrauten Disney-Magie verantwortlich sind. Doch dann ist da noch ein anderes Element, das sich in den Film schleicht und Aladdins Welt in einen riesigen Abenteuerspielplatz verwandelt. Mitunter wirkt es so, als wolle Guy Ritchie die Lücke zu füllen, die Pirates of the Caribbean im Disney-Line-up hinterlassen hat – nur mit mehr Sand anstelle von Wasser. Das Ergebnis weiß durchaus zu überzeugen und liefert einige aufregende Sequenzen, die stets mit dem Puls der Musik verbunden sind.

Ein anderer Pulsschlag dieses Films ist Will Smith. Er tritt das Erbe von Robin Williams an, der im Original Flaschengeist Dschinni seine Stimme lieh. Via Motion-Capture-Verfahren erweckt Will Smith die ikonische Disney-Figur nun hingebungsvoll mit seinem gesamten Körper zum Leben, wenngleich er in einigen Passagen auch ohne die Hilfe visueller Effekte in Erscheinung tritt. Entscheidend ist die Begeisterung, die er für die Rolle aufbringt, ohne den Film in eine einzige Will Smith-Show zu verwandeln. Tatsächlich ist es nämlich das Zusammenspiel mit Co-Star Mena Massoud, das sich als eines der größten Highlights des Films entpuppt. Agieren die beiden Schauspieler getrennt, fehlt der Esprit. Vereint sind sie dafür unschlagbar.

Das ewige Hin und Her zwischen Aladdin und dem Flaschengeist, der ihm drei Wünsche gewährt, weiß sowohl mit spielerische Dialogen zu punkten und fördert reichlich Situationskomik zutage. Zwischen all den humorvollen Einlagen tastet sich der Film gelegentlich auch an die tragische, unangenehme Seite der Geschichte heran, ist jedoch nie allzu interessiert, die Konflikte zu vertiefen. Stattdessen tobt sich der Film auf seiner prächtigen Oberfläche aus und bleibt folglich weniger durch feine Nuancen als durch den Spaß beim Schauen in Erinnerung. Mit Jasmins neuem Song Speechless, eindrucksvoll von Naomi Scott vorgetragen, gibt es dennoch einen Moment, der in seiner Überzeugung mitreißt und alles andere überragt.

Aladdin © Walt Disney Studios Motion Pictures