BlacKkKlansman – Kritik

BlacKkKlansman - Kritik

Der Widerspruch versteckt sich schon im Titel: In BlacKkKlansman schleust Regisseur Spiel Lee einen schwarzen Undercover-Cop in den Ku-Klux-Klan – das dritte K im Titel ist reine Formsache, eine schräge Pointe und und weiterer Hinweis auf die Groteske, die uns in den nachfolgenden 135 Minuten erwartet. Fortan unterhält sich Ron Stallworth (John David Washington), seines Zeichens der erste schwarze Polizist im Colorado Springs Police Department, am Telefon munter mit David Duke (Topher Grace), dem Großen Hexenmeister des Klans, der vorzugsweise von seinen Mitgliedern schlicht als „die Organisation“ bezeichnet wird. Während er von seinen Kollegen skeptische Blicke erntet, posaunt Ron sein Judenhass in den Hörer, bestätigt, dass er Schwarze nicht leiden kann, und pocht auf das arische Blut, das durch seine Adern fließt. „God bless white America“, lauten die Worte zur Verabschiedung von seinem neuen Freund, der nichtsahnend den Köder schluckt und sich über ein neues Mitglied freut, das allem Anschein nach auf Eskalation gebürstet ist.

Um die wagemutige wie verrückte Operation, die Ron angeleiert hat, zur Vollendung zur führen, schnappt er sich seinen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver), der unter seinem Namen die Klan-Versammlungen besuchen und den Kontakt von Angesicht zu Angesicht mit den Klan-Mitgliedern pflegen soll. Ron übernimmt derweil weiterhin die Kommunikation per Telefon, doch von einer sicheren Distanz kann keine Rede sein. So absurd die Prämisse von BlacKkKlansman klingt, so herzhaft denkt sich Spike Lee in die Umsetzung hinein und inszeniert die nachfolgenden Ermittlungen mit einer Mischung aus vergnügter Leichtigkeit und unangenehmer Vorahnung. Die Wurzeln des Hasses sind schnell offenbart, ebenso die Mechanismen, die sich dahinter verbergen. Rückblickend auf Spike Lees Filmographie erweist sich diese – nach wie vor erschreckende – Analyse fast als Fingerübung. Die Überzeugung und Willenskraft hinter seinen Bildern lässt sich trotzdem nicht leugnen. Nachdem er zuletzt mit Chi-Raq bewies, dass in seinen Filmen eine unerschöpfliche Leidenschaft schlummert, schließt er mit BlacKkKlansman unmittelbar an sein vorherigen Schaffen an, das zuletzt eine Serien-Interpretation seines Langfilmdebüts She’s Gotta Have It bereichert wurde.

Diese Leidenschaft deckt ein ganzes Spektrum von Emotionen ab. Liebe und Begeisterung für die schwarze Kultur und deren Repräsentation im Kino gehören genauso dazu wie Wut und Frust, die sich im Lauf der Jahre regelmäßig angesammelt und entladen haben. „This is an emergency“, schallte es alarmierend durch Chi-Raq, eine Durchsage, die sich mühelos in jeden Spike Lee-Film integrieren lässt und die Durchschlagkraft seiner messerscharfen Gedanken verdeutlicht. Entgegen der vermeintlichen Fingerübung ist BlacKkKlansman ein geschliffener Essay geworden, der – und hier liegt Spike Lees größte Stärke verborgen – an Ambivalenz kaum übertreffen ist. Tonal herrscht ein forderndes Chaos in dieser Bestandsaufnahme, die sich nicht nur an die Erinnerungen der 1970er Jahre klammert, sondern problemlos als Kommentar auf die gegenwärtige Situation Amerikas gelesen werden kann, in der Donald Trump an die Stelle von David Duke tritt. Nicht zuletzt scheut der Film keinen Vergleich zwischen den zwei politischen Persönlichkeiten, wenn schmerzvoll über die Unwahrscheinlichkeit gescherzt wird, mit der ein solcher Vertreter jemals ins Weiße Haus einziehen könnte.

Subtil geht BlacKkKlansman in seinen Andeutungen nicht vor. Spike Lees Sprache ist eine klare, eine laute und zieht sich durch alle Facetten seines Films. Entstehen Rons Telefonate zuerst aus einer Beiläufigkeit heraus, verschiebt sich später das gesamte Bild, wenn er sich mit David Duke austauscht. Ein Dutch Angel folgt auf den nächsten, ehe sich die schrägen Kameraperspektiven in einer Montage unmittelbar gegenüberstehen: Die filmischen Mittel, um diese Groteske in wirkungsvollen Bildern auf die große Leinwand zu bannen, beherrscht Spike Lee aus dem Off. In seinem Gedankenspiel geht er aber noch einen Schritt weiter und lässt nicht nur Geschichte, sondern auch Filmgeschichte lebendig werden, wenn er etwa über Pam Grier und Blaxploitation-Filme sinniert oder beständig The Birth of a Nation von 1915 in die Handlung einbaut. Der erste Blockbuster des Kinos, seinerzeit als erstes filmisches Erzeugnis im Weißen Haus vorgeführt, hat das Kino aus technischer Perspektive revolutioniert, propagiert gleichzeitig aber rassistische Gedankengut und trug maßgeblich zur Neugründung des Ku-Klux-Klans bei.

In BlacKkKlansman arbeitet Spike Lee auf zwei unterschiedliche Weisen mit der Filmgeschichte. Auf der einen Seite lässt er die Figuren Gebrauch von den bewegten Bildern machen, während er sich auf der anderen Seite bestimmter Inszenierungsmethoden bedient, die entsprechende Werke auszeichnen. Wenn Ron zusammen mit der Black Students Union-Präsidentin Patrice Dumas (Laura Harrier) in paradiesischer Umgebung spazieren geht, erwacht das Blaxploitation-Kino nicht nur in nostalgischer – sicherlich auch verklärter – Erinnerung durch Worte zum Leben, sondern ebenfalls in seiner Inszenierung, die zweifelsohne von selbigem beeinflusst wie inspiriert wurde. D.W. Griffiths Südstaatenepos stößt derweil bei einer Klan-Versammlung auf reges Interesse aller Anwesenden. Gezielt wird der Hass geschürt und die Menge ekstatisch in Rage versetzt, um sofort die nächste Kreuzverbrennung in Angriff zu nehmen. Sich der historischen und weiterhin anhaltenden Bedeutung von The Birth of a Nation bewusst greift Spike Lee in diesem Moment geschickt auf eine Parallelmontage zurück, die das wilde Klan-Treiben mit einer Zusammenkunft (potentieller) Anhänger der Black Panther-Bewegung gegenüberstellt.

Spike Lee ist dabei nicht nur daran interessiert, The Birth of a Nation als rassistisches Manifest zu entlarven, dafür braucht es im Jahr 2018 keine Bestätigung mehr. Stattdessen nutzt er die Parallelmontage, also ein filmisches Mittel, das erstmals im großen Stil in The Birth of a Nation verwendet wurde und die Filmgeschichte nachhaltig geprägt hat, für seine eigenen Zwecke. Genauso wie die Klan-Gefolgschaft mit Bildern manipuliert wird, finden sich im Black Panther-Reigen riesige Schwarz-Weiß-Fotos, die mit ähnlich aufstachelnder Wirkung instrumentalisiert werden. Plötzlich verschwimmen die eben noch deutlichen Grenzen, genauso wie Rons Identität(en) als aufstrebender Undercover-Cop respektive Klan-Anhänger. In diesem Augenblick kommt die gesamte Ambivalenz von BlacKkKlansman zu tragen und Spike Lee erweist sich einmal mehr als reflektierter Filmemacher mit einem klaren Anliegen, der nicht davor zurückschreckt, die Abgründe der Gesellschaft auf allen Seiten tiefer zu hinterfragen, als dass sie sich zum Schluss in einem Happy End auflösen könnten. Im Gegenteil: Kurz nach dem ersten von mehreren, dicht aufeinander folgenden Schlussakkorden ändert BlacKkKlansman dermaßen oft den Tonfall, dass ein Gefühlschaos unvermeidlich ist.

Eben wurden noch die verheerenden Folgen von willkürlicher Polizeigewalt gegen Schwarze durch  ein Glück im Unglück aufgeklärt, da verlangt Chief Bridges (Robert John Burke), dass die Akten der erfolgreichen Ermittlung vernichtet werden. Die Tragik ist vernichtend, findet aber in einem heiteren, geradezu versöhnlichen Moment einen Nachtrag, bevor der wohlige Ausklang der Geschichte von den schockierenden Bildern aus Charlottesville abgelöst wird, wo es im August vergangenen Jahres bei einer rechtsextremen Demonstration zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, die einer Frau das Leben kosteten. Der Bezug zur bitteren Gegenwart mit Originalaufnahmen inklusive Trumps kontroverser Reaktion erschüttert BlacKkKlansman nach all den zuvor entschlüsselten Ereignissen mit unerwarteter Wucht und Betroffenheit. Spike Lee will mit seinem Film auf keinen Fall eine Illusion schaffen, die mit dem Abspann im abgeschotteten Raum des Kinos endet. Stattdessen sprengt er das Kino auf und trägt es bis auf die Straße hinaus, wo es unbequeme Fragen aufwirft und keine einfachen Lösungen anbietet. Was folgt, ist eine lange Diskussion, eine ewige Auseinandersetzung. Aber genau deswegen dreht Spike Lee seit über drei Dekaden Filme.

BlacKkKlansman © Universal Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.