Christopher Robin – Kritik

Christopher Robin - Kritik

Sie sind verschwunden, die prächtigen Farben des Hundred Acre Wood. Während sich die Tage der unbeschwerten Kindheit dem Ende neigen, verdunkelt sich der Himmel und graue Wolken ziehen auf, die symbolisch für den Abschied stehen, der kurz darauf erfolgen wird: Christopher Robin ist kein Kind mehr, sondern ein Jugendlicher auf dem Sprung zum jungen Mann, der sich schon bald in die Fänge eines Internats begibt. Womöglich wird er nie wieder jenen wundervollen und dennoch der Zeit ergebenen Platz der Träume besuchen. Ein letztes Mal versammeln sich die Stofftiere um Winnie the Pooh zum Kaffeekränzchen und verschlingen den kredenzten Kuchen mit rastloser Begeisterung. Sobald jedoch nur noch Krümel übrig sind und sich der Inhalt des eben noch prall gefüllten Honigglases erschöpft hat, gibt es nicht mehr viele Worte zu sagen. In den Knopfaugen des sonst so munteren Teddybären spiegelt sich die unendliche Traurigkeit einer unabwendbaren Trennung. Christopher Robin zieht von dannen, in eine andere, in eine erwachsene Welt.

Zwar schwebt der Geist von A.A. Milne und E. H. Shepard zu jeder Minute über Christopher Robin, bereits im Prolog lässt Regisseur Marc Forster die vertrauten Geschichten um Winnie the Pooh hinter sich und folgt einem bemerkenswerten Drehbuch aus der Feder von Alex Ross Perry und Allison Schroeder, das wiederum auf einer Idee von Perry basiert. Während Allison Schroeder direkt von ihrem Oscar-Nominierung für das NASA-Drama Hidden Figures kommt, hat sich Alex Ross Perry in den vergangenen Jahren durch Filme wie Listen Up Philip, Queen of Earth und Golden Exits als eine der aufregendsten Stimmen des US-amerikanischen Independentkinos etabliert. Mit den bisherigen Live-Action-Filmen aus dem Hause Disney wie Beauty and the Beast mag das wenig gemein haben. Doch ein zweiter Blick offenbart, dass in dieser Umgebung bereits der ebenfalls aus der Indie-Ecke stammende David Lowery mit Pete’s Dragon Erstaunliches vollbrachte: Die Adaption eines altbekannten Stoffs aus einen neuen Blickwinkel, der das Herz der Vorlage bewahrt und trotzdem etwas Eigenständiges schafft.

Christopher Robin

Plötzlich sitzt Ewan McGregor als erwachsener Christopher Robin an einem Schreibtisch in einer Londoner Firma und muss – aufgetragen von seinem Vorgesetzten, dem gemeinen Mr. Winslow (Mark Gatiss) – Kürzungen im Budget vornehmen. Die Entlassung zahlreicher Mitarbeiter ist die unmittelbare Folge der Einsparmaßnahmen, während sich die Chefetage in falscher Demut zeigt und vorgibt, der Not entsprechend auch am Wochenende zu arbeiten, obgleich im nächsten Moment ein verräterischer Golfball zum Vorschein kommt. Christopher Robin hat das Wunderland verlassen und ist in der erbarmungslosen Großstadt angekommen, die das Idyll der unberührten Landstriche in der Grafschaft Sussex vermissen lässt. Evelyn (Hayley Atwell), seine Frau, nimmt er kaum noch wahr, sodass sich beide zunehmend voneinander entfremden. In seine Tochter, Madeline (Bronte Carmichael), projiziert er derweil all die Zwänge der leistungsorientierten Gesellschaft, die er sich selbst nie zu hinterfragen wagte. Es ist ein düsteres, ein trauriges Märchen, voller Kummer und gebrochener Herzen.

Verwunderten anfangs die grauen, ausgewaschenen Bilder, so entpuppen sie sich später als Vorboten des schwermütigen Tonfalls, den Marc Forster in seiner Inszenierung anschlägt. Christopher Robin wird förmlich erschlagen von der Welt, die sich gnadenlos um ihn herum dreht, obgleich er stets versucht, die bestmögliche Version seiner selbst zu sein. Dabei spaltet er sich jedoch auf und verliert den Überblick über die wichtigen, die entscheidenden Dinge im Leben, bis er eines Tages den Lügen von Mr. Winslow ergeben Glauben schenkt. Das Fantastische gerät in Vergessenheit, eingesperrt in einer kleinen Schachtel, die im Lauf der Zeit unter einer dicken Staubschicht verschwindet, genauso wie sich ein dichter Nebel über den Hundred Acre Wood legt. Als Winnie the Pooh nach all den Jahren aufwacht und nach seinen Freunden (und natürlich dem Honigvorrat) sehen will, findet er sich ganz alleine in einer geradezu endzeitlichen Landschaft wieder, in der selbst die behüteten Orte der Erinnerung von etwas Unheimlichem zeugen. Verlassen ist die Welt, die einst blühte.

Christopher Robin

Im Gegensatz zu Christopher Robin, der Untertan seiner Probleme geworden ist, gehört Winnie the Pooh zur pragmatischen Sorte, die ein Problem erkennt und es in Angriff nimmt. Christopher Robin soll ihm helfen, seine Freunde zu finden. Ausgehend von dieser fixen Idee entfaltet sich ein berührender Abenteuerfilm, der nicht nur von seinen liebevoll gestalteten Figuren – egal, ob Mensch oder Stofftier – lebt, sondern verblüffend den Klang der Sprache und die Bedeutung von Worten auszuschöpfen weiß, die mit absoluter Sorgfalt ins Drehbuch geschrieben wurden. Während aus „nothing“ spielerisch ein „something“ wird, suchen Alex Ross Perry und Allison Schroeder nach einem Weg, um die Welt nach dem schmerzlichen Abschied im Prolog wieder in Ordnung zu bringen. Doch die Welt steht – mitunter sprichwörtlich – auf dem Kopf. Nur Christopher Robin kann sie für Winnie the Pooh wieder richten, obwohl es in Wahrheit umgedreht ist. Denn Christopher Robin, der Held des Hundred Acred Wood, hat vergessen, wer er ist.

Nun trifft der Junge, der erwachsen geworden ist und verpasst hat, seine eigene Stimme zu finden und auf sie zu hören, auf einen Geist aus der Vergangenheit. Dieser hat sich keineswegs verändert – im Gegenteil: Immer noch honigschleckend sieht Winnie the Pooh trotz aller niederschmetternden Erlebnisse in seinem Leben nur das Gute in der Welt und den Menschen. Unverbesserlich bestaunt er alles und jeden in seiner Umgebung, insbesondere einen roten Luftballon, der Träume in Erfüllung gehen lässt, vorausgesetzt, man sieht mehr als ein nutzloses Spielzeug in ihm. Wenn die Fantasie allerdings erloschen ist, benötigt es unheimlich viel Mut und Kraft, sich zu überwinden und mit der feinen Kleidung eines Herren aus der Großstadt ins Unterholz zu kriechen. Genau von dieser Wiederentdeckung erzählt Christopher Robin mit sehnsüchtiger Eleganz, selbst wenn sich die einst vertraute Welt als gefahrenvolles Labyrinth offenbart. Wer sich aber in dieses Labyrinth wagt, für den ist nichts mehr unmöglich.

Christopher Robin © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.