City Hall – Kritik

City Hall

Boston, Massachusetts. Man könnte fast glauben, die Menschen haben die Stadt verlassen und sich an einen besseren Ort zurückgezogen, so leergefegt wirken die ersten Einstellungen von City Hall, dem neuen Film von Frederick Wiseman. Mit einem Blick auf das politische Klima, das seit Donald Trumps Amtsantritt als Präsident in den USA herrscht, scheint diese Fluchtbewegung durchaus nachvollziehbar. Doch Wiseman ist niemand, der seinen Blick abwendet und die Hoffnung verliert. Seit Anbeginn seiner Karriere beobachtet er amerikanische Institutionen und erzählt von deren Möglichkeiten.

Für City Hall kehrt der Dokumentarfilmemacher nach Monrovia, Indiana in seine Heimatstadt zurück, um hinter die Kulissen des riesigen Getriebes zu blicken, ohne dass das tägliche Leben nicht möglich wäre. Der Stadtverwaltung von Boston und ihren Sprachrohren in den Bezirken gehört für beachtliche viereinhalb Stunden Wisemans ungeteilte Aufmerksamkeit. City Hall ragt selbst in der fast 50 Werke umfassenden Filmographie des 90-jährigen Regisseurs als beachtliches Mammutprojekt heraus. Wie immer zahlt sich jede einzelne Sekunde seiner sorgfältigen, überlegten Beobachtungen aus.

Die Langsamkeit von City Hall ist eine Wohltat, der Schnitt elegant, klug und unaufdringlich. Wiseman muss niemandem beweisen, was er gesehen hat, sondern lässt seine ruhigen Aufnahmen für sich sprechen. Dabei vereinen sich ausführliche Passagen, in denen wir unmittelbar an Gesprächen und Diskussionen teilnehmen, mit kurzen Stimmungsbildern, die mal der Architektur, mal dem unscheinbaren Alltag verschrieben sind. Abseits der aufschlussreichen Einblicke, die Wisemans Arbeit liefert, entzückt vor allem die natürliche Poesie, die er aus der Umgebung – etwa Straßengeräuschen – zieht.

Es sind diese beiläufigen Einschübe, die das Porträt City Hall zum Leben erwecken und ein Gespür für die Stadt und die Menschen erwecken. Geschickt löst Frederick Wiseman dadurch die Anonymität auf, die anfangs durch die eindrucksvollen, aber ebenso einschüchternden Bauwerke durchblitzt. Hinter den gleichförmigen Fenstern versteckt sich deutlich mehr, wie Wisemans Kamera zeigt. Im Fall von City Hall ist diese nicht selten auf das Gesicht von Bürgermeister Marty Walsh gerichtet, der sich als Demokrat mit seinem Tun und Handeln eindeutig gegen Trumps Amerika positioniert.

Er fungiert gewissermaßen als Protagonist dieser Dokumentation, die jedoch keineswegs auf der Suche nach einem strahlenden Helden ist. Wiseman weiß sehr wohl um die Grenzen, an die selbst ein Politiker wie Walsh stößt, der beständig versucht, seine Stadt zu erneuern und weiterzudenken. In City Hall wird Amerika nicht gerettet, von solch einer Fantasie ist der Film weit entfernt. „We can’t solve the problems of the United States of America here“, heißt es später in einer der Ansprachen des Bürgermeisters, die reflektiert über den Status quo nachdenkt und dadurch Verständnis für Herausforderungen und Probleme schafft.

Wiseman spricht sich einmal mehr für die Geduld aus, die es erfordert, sich auf komplexe Prozesse im gesellschaftlichen und politischen Gefüge einzulassen, egal wie motivierend oder entmutigend diese im Detail erscheinen. City Hall ist eine aufmerksame, subtile Studie über Menschen, die aufeinanderzugehen und miteinander reden, um trotz ihrer Differenzen gemeinsam einen Schritt nach vorn zu gehen. Natürlich lässt sich das in der Praxis nicht so einfach umsetzen wie die Behauptung in der Theorie. Eine der großen Stärken von Frederick Wisemans Filmen ist es aber, zu zeigen, was möglich ist.

Im Großen wie im Kleinen werden wir hier Zeugen von Ideen, Überlegungen und Fragen, die nicht immer eindeutig formuliert, geschweige denn beantwortet werden. In den meisten Fällen überlässt uns Wisemans Boston-Kaleidoskop stattdessen selbst die Verantwortung, das Gesehene noch einmal Revue passieren zu lassen und eigene Schlüsse zu ziehen. Am Ende versteht sich City Hall damit auch als Anstoß zur Auseinandersetzung über die Rahmung des Films hinaus. Denn der Einblick in das Gegenwärtige und das Vergangene ist als Grundlage für die Diskussion über die Zukunft unentbehrlich.

City Hall © The Party Film Sales/Puritan Films/Zipporah Films