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Euphoria: Trouble Don’t Last Always – Kritik

Verschwunden sind sie, die verschlungenen Kamerabewegungen, die Euphoria in eine hypnotisierende Seherfahrung verwandeln. Acht Episoden lang entführt das düstere Teen Drama in die Welt von Rue (Zendaya), die in Neonfarben erstrahlt und von aufwühlenden Schnitten auseinandergerissen wird. Bevor die zweite Staffel auf HBO startet und tiefer in dieses Labyrinth vordringt, präsentiert Serienschöpfer Sam Levinson zwei Kapitel, die zwischen der große Geschichte stehen und sich im ungewohnten Gewand präsentieren. Das erste ist Euphoria: Trouble Don’t Last Always.

Die Zeitumstände haben Levinson zu diesem Schritt inspiriert. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es für Film- und Serienproduktionen kompliziert und aufwendig, mit einer großen Crew zu drehen. Die Sonderfolgen von Euphoria setzen daher auf wenige Figuren und begrenzte Schauplätze. Im Fall von Trouble Don’t Last Always tauchen wir nach einem kurzen Prolog, der unmittelbar an das aufwühlende Finale der ersten Staffel anschließt, in die ruhigen Räume eines Diners am Weihnachtsabend ein. Kaum eine Menschenseele lässt sich blicken. Die Einsamkeit ist in jedem Bild spürbar.

Rue sitzt nach ihrem Rückfall gemeinsam mit Ali (Colman Domingo), ihrer Vertrauensperson, an einem Tisch. Sie steht offensichtlich unter dem Einfluss von Drogen, auch wenn sie es mit bemüht aufrichtigen Worten zu kaschieren versucht. Rue redet und redet, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Doch Ali weiß, dass es erst der Anfang eines sehr langen Gesprächs ist, das erst in der nachfolgenden Stunde an Ehrlichkeit gewinnt – und zwar auf beiden Seiten. Das einsame Diner, das weit vom Rest der Welt abgelegen scheint, verwandelt sich in einen Ort von Trost und Geborgenheit.

Die sonst so rauschhafte Erzählung von Euphoria steht für einen raren Moment komplett still. Aufmerksam mustert die Kamera die Gesichter der Figuren und findet sich in ihren verborgenen Gefühlswelten ein. Trouble Don’t Last Always ist nicht nur ein Zeugnis für Levinsons Fähigkeiten als Regisseur und Drehbuchautor. Auch schauspielerisch ist die Episode ein Triumph, eine Wucht. Colman Domingo, der in der ersten Staffel eine wiederkehrende Rolle hatte, erweitert seinen Charakter um feine, nahbare Eigenschaften. Es ist seine eindrücklichste Performance seit If Beale Street Could Talk.

Und dann ist da Zendaya, die sich durch Euphoria bewegt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Allein wie sie sich in ihrem Kapuzenpulli verkriecht, erzählt mehr Geschichten über Rue, als es das Drehbuch jemals könnte. Levinsons Dialoge sind ohne Zweifel großartig, einfühlsam und tiefschürfend. Zendayas Spiel fügt all dem aber eine völlig neue Ebene hinzu. Besonders dann, wenn ihr Blick abschweift und in den Reflexionen auf der Fensterscheibe des Diners hängenbleibt. Was in der ersten Staffel der Glitzer war, sind jetzt verschwommene Lichter in der Unendlichkeit.

Irgendwo da draußen existiert ein anderes Leben, doch Rue ist innerlich viel zu zerrissen, um den Weg dorthin einzuschlagen. Die Angst vor dem zukünftigen Ich traut sie sich kaum auszusprechen. Deswegen stellt Moses Sumney in der eindrucksvollsten Szene der Episode mit seinem Song Me in 20 Years die entscheidenden Fragen. Draußen, vor dem Diner, telefoniert Ali, der sich an dem Punkt in seinem Leben befindet, vor dem sich Rue fürchtet: 20 Jahre später hat sich vieles verändert und trotzdem sind nicht alle Probleme verschwunden. Ein paar sind geblieben und fordern täglich zum Kampf heraus.

Beitragsbild: Euphoria: Trouble Don’t Last Aways © HBO/Sky