Fantastic Beasts and Where to Find Them: New York

Willkommen im New York der 1920er Jahre. Die Stadt qualmt und pulsiert, ist gefüllt von Leben und dennoch ein Ort, an dem sich ein Fremder mutterseelenallein in den unendlichen Straßenzügen fühlen kann. Überall herrscht Bewegung, selbst in den langen Schlangen, in denen die Neuankömmlinge nervös warten und ihre Papiere sortieren. Empfangen werden sie von der Freiheitsstatue auf dem amerikanischen Kontinent, ehe die Behörden über die Einreise und das nächste Kapitel ihres Abenteuer entscheiden. Ein ganzes Leben kann hier mit einem Stempel verändert werden, der wiederum nur Teil von Routine ist, wodurch sich ein ungeheuerliches Machtgefälle offenbart. Diesem Ungleichgewicht sieht sich ebenfalls Newt Scamander (Eddie Redmayne) ausgesetzt, der aus London mit dem Schiff gekommen ist und dank eines Zaubertricks die Schranken schlussendlich doch ohne weitere Probleme passieren kann. Erlebt hat er ihn trotzdem, den Übergang in eine neue Welt und die Ungewissheit kurz zuvor – ähnlich wie Jacob Kowalski (Dan Fogler), der kurze Zeit später ebenfalls eine für ihn neue Welt entdecken soll.

Bevor es jedoch so weit ist, finden sich beide Männer auf einer Bank in einer Bank wieder – eine unwahrscheinliche Begegnung, die dafür umso schicksalhafter ausfällt. Jacob, ein Arbeiter, der seine eigene Bäckerei eröffnen will und auf einen Kredit hofft, vermag es nicht, sich eines Zaubertricks zu bedienen, um die reichen Herren glücklich zu stimmen. Sein Amerikanischer Traum endet an den Stufen des Palasts, in dem die Geldgeschäfte geregelt werden und nur der Profit zählt. Die tobende Effizienz der 1920er Jahre bricht dem kleinen Mann das Genick, der an die Handarbeit glaubt und etwas Besonderes schaffen will, dessen Geheimnis und Wert niemals von einem Fließband ersetzt werden kann. Doch aus dem Träumer wird ein Versager, der keine Luft mehr kriegt in der Gesellschaft, die ihn verächtlich mit Füßen tritt. Für einen solch reinen, unschuldigen Geist ist kein Platz in diesem brodelnden New York, das seine Ressourcen längst verteilt hat. Sowohl in der Zaubererwelt als auch der Muggelwelt führt kein Weg an den unumstößlichen Hierarchien vorbei. Newt und Jacob fallen sich gewissermaßen als Außenseiter des Systems in die Arme und bewegen sich fortan zwischen den Grenzen ihrer Welt(en).

Da laufen sie nun durch die die Metropole, während die Zeitungen in schwarz-weißen Lettern die Regeln diktieren. Ob sich die Bilder zwischen den gedruckten Zeilen bewegen oder nicht, spielt schon bald keine Rolle mehr. Schnell wird verurteilt in diesem New York, wo binnen kürzester Zeit ganze Wolkenkratzer entstehen, ehe eine schwarze Wolke einen Graben in die Straßen reißt. Nur die verspielte, jazzige Musik lockert die Anspannung des rastlosen Ortes auf, schafft Raum zu atmen und kündet von den Träumen, die vielleicht doch in Erfüllung gehen. Solange die Menschen in diesen Atempausen in ihre gezeichneten Gesichter blicken, besteht Hoffnung auf einen Dialog, der nicht in dunklen Gassen stattfindet, wo der Schatten die Gesichter verbirgt. Kein Wunder, dass später die Identitäten wechseln und unklar ist, wer auf wessen Seite steht. Jeder jagt in diesem New York etwas anderem hinterher, sei es der Magizoologe seinen entlaufenen Tierwesen oder der zwielichtige Gangster im Untergrund der nächsten lukrativen Möglichkeit. Was sie verbindet, ist ein ewiger Drang, der sie nie zur Ruhe kommen lässt, weil sie Angst haben, sich einordnen zu müssen und einen Teil ihrer selbst in diesem dampfenden Labyrinth zu verlieren.

Nach Freiheit für die eigenen Ideale ringend stolpern die Figuren durch Fantastic Beasts and Where to Find Them, obgleich die meisten von ihnen in den finalen Minuten wieder loslassen müssen. Ein Großteil steht gar völlig unfreiwillig im Regen, der das Vergessen beschwört. All der Staub, der vom geschäftigen Treiben zuvor kündete, wird weggespült in die Kanalisation, das geheime, vergessene Unterbewusstsein der Stadt. Im Verborgenen lagern die Erinnerungen des Fantastischen, das sich kaum beschreiben und erst recht nicht greifen lässt. Es ist ein einmaliges Erleben dieses New York, in dem jeder Suchende fündig wird, wenn er nur lange genug den Pflastersteinen folgt und sich nicht von dem verführerischen Brummen und Surren ablenken lassen. Der Abschied zum Schluss ist trotzdem unvermeidlich: So viel es in der neuen Welt zu entdecken gibt, so wenig dürfen sie behalten. Newt und Jacob müssen beide zurückkehren, in die Welt, aus der sie gekommen sind, während sie insgeheim am liebsten inmitten des Chaos stehengeblieben wären, denn in diesem ist alles möglich und nichts muss ausgesprochen werden. Stattdessen kann man sich einfach mitreißen lassen, vom Puls der Stadt.

Fantastic Beasts and Where to Find Them © Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.