Der Netflix-Drache verschlingt Blockbuster wie Mowgli zum Frühstück

Mowgli

Seit 2012 befindet sich bei Warner Bros. eine Adaption von Rudyard Kiplings The Jungle Book in der Entwicklung, die unter anderem mit Filmemachern wie Steve Kloves, Ron Howard und Alejandro González Iñárritu in Verbindung gebracht wurde. 2014 stieß jedoch Schauspieler und Motion-Capture-Star Andy Serkis zur Produktion dazu, die sein Regiedebüt werden sollte. Betitelt als Jungle Book: Origins war ein Kinostart für den Oktober 2016 angesetzt, nur wenige Monate nach Jon Favreaus Live-Action-Remake von Disneys Zeichentricklassiker, der sich auf die gleiche literarische Vorlage beruft. Zwei Dschungelbuchfilme in unmittelbarer Nähe: Es brauchte keinen Experten, um den Konkurrenzkampf vorherzusagen, auf den sich Warner Bros. mit Disney eingelassen hat. Schlussendlich aber sollte alles ganz anders kommen. Nicht nur wurde Jungle Book: Origins mehrmals verschoben. Wie Deadline vor wenigen Tagen verkündete, wird der Film nun gar nicht mehr in die Kinos kommen. Stattdessen findet eine Veröffentlichung 2019 auf Netflix statt.

Netflix erleichtert die Studios um ihre Fehlkalkulationen

Die Geschichte von Jungle Book: Origins – inzwischen nach seiner Hauptfigur Mowgli benannt und nach dem Kinostart von Breathe im vergangenen Jahr nicht mehr Andy Serkis’ Regiedebüt – ist eine tragische Geschichte eines Films in der Produktionshölle Hollywoods. Wenngleich die Prämisse, entgegen der bisherigen Umsetzungen es Stoffes, die Härte des Dschungels in den Vordergrund zu rücken, eine vielversprechenden Variation der vertrauten Geschichte um Findelkind Mowgli erwarten lässt, schien der Film von Anfang an zum Scheitern verurteilt zu sein. Selbst ein ambitionierter Regisseur und sein namhafter Cast konnten keinen Kontrast zu Disneys Live-Action-Adaption von 2016 schaffen, sodass die Reaktionen auf die ersten bewegten Bilder gemischt bis gleichgültig ausfielen. Im Angesicht vergangener Flops, die potentiell ein Franchise hätten starten können, dürften Warner Bros. dankbar für den Netflix-Deal sein. Für die Kinolandschaft ist dieser Einschnitt in den Terminkalender allerdings bedenklich.

Selbst wenn Netflix seit einer ganzen Weile Filme von anderen Studio kauft und diese mal mehr, mal weniger im Rampenlicht der öffentlichen Wahrnehmung seinen Abonnenten offeriert, reiht sich Mowgli in eine andere Liga, nämlich in jene von High-Profile-Produktionen wie The Cloverfield Paradox und Annihilation, die Anfang des Jahres mit bemerkenswerten Marketing-Stunts den Besitzer wechselten. Ein Unterschied existiert trotzdem: Während sowohl The Cloverfield Paradox als auch Annihilation unabhängig ihrer Qualität von Anfang an eine Nische belegten, handelt es sich bei Mowgli um einen millionenschweren Blockbuster, der sich etwas traut. Abseits der unmittelbaren Disney-Konkurrenz, die seit Bekanntmachung beider Projekte für große Augen sorgte, umschrieb Andy Serkis seinen Film stets eine Dschungel-Odyssee, die weniger einem naiven Märchen als einer Reise ins Herz der Finsternis gleicht. Der Fokus auf Rudyard Kiplings Literaturvorlage sorgt für Abwechslung und Neugier, nicht zuletzt aufgrund der (technisch) ehrgeizigen Herangehensweise.

Andy Serkis war sichtlich interessiert, die Materie aus einem anderen Blickwinkel zu ergründen und damit einen Diskurs anzustoßen. Rückblickend auf die letzten zwei Filme, die ursprünglich weltweit in den Kinos starten sollten, dann jedoch direkt in den Netflix-Katalog gewandert sind, ist das Zeitfenster für eine solche Auseinandersetzung erschreckend klein. Konnte sich bei Annihilation noch durch Alex Garlands starke Autorenstimme Gehör verschaffen, litt The Cloverfield Paradox deutlich mehr seinem Netflix-Debüt, da die Rezeption binnen kürzester Zeit komplett vom Film abdriftete und sich fast ausschließlich um die Veröffentlichungsstrategie drehte. Nun droht auch Mowgli ein ähnliches Schicksal, sodass eines Tages nur noch von dem Netflix-Dschungelbuch im Vergleich zum Disney-Dschungelbuch die Rede sein wird. Das ist besonders ärgerlich, da Mowgli das Wagnis über die bewährte Formel stellten. Doch für Wagnisse ist im Kino momentan kein Platz – oder er lässt sich zumindest nur sehr schwer erkämpfen.

Das Blockbuster-Kino verliert seine mutigen Projekte

Es offenbart sich eine bedenkliche Dynamik: Filme, in die ein Studio kein Vertrauen besitzt, werden einfach bei Netflix abgeladen und auf den ersten Blick sind alle glücklich. Das Studio entgeht einem weiteren Flop, was für Warner Bros. nach ähnlich angelegten Misserfolge wie The Legend of Tarzan und Pan sicherlich willkommen ist. Netflix sich derweil über eine weitere hochwertige Produktion mit Staraufgebot freuen, was kurzfristig für einen Überraschungseffekt sorgt, langfristig aber keine Zukunft hat. Die Kinoerfahrung fehlt, vor allem bei einer ausnahmsweise verheißungsvollen 3D-Film wie Mowgli. Warner Bros., eines der letzten großen Studios, das Autorenstimmen auf Blockbuster-Ebene fördert, sendet mit dem Verkauf seines Dschungelbuchs ein unglückliches Signal an alle Filmschaffenden, die sich an kühne Unternehmungen wie George Millers Mad Max: Fury Road erinnern. Am Ende verliert ein Film, der die großen Leinwand zum Beben gebracht hätte, gegen einen zweiten The Kissing Booth auf Netflix, sodass nichts weiter bleibt als ein gefüllter Content-Slot, der schon bald in Vergessenheit gerät.

Netflix verwandelt die Veröffentlichungen seiner Einkäufe in Events, die genau so lange für Aufmerksamkeit sorgen, bis die ersten Abonnenten auf Play gedrückt haben. Danach sind die Produktionen ihrem eigenen Schicksal überlassen und müssen um ihr Überleben auf einer Plattform kämpfen, die ihre Nutzer mit Angeboten überschüttet. Wenngleich Warner Bros. im Fall von Mowgli mit der Voraussicht der Schadenbegrenzung gehandelt hat, bedeutet das für den Film nur, dass er jetzt nicht mehr gegen die Disney-Version, dafür unzählige andere Netflix-Originals antreten muss. Vorerst dominiert die Faszination für den Umbruch. Am Ende beschäftigt sich aber niemand mehr mit dem, was einst für das Kino geschaffen war. Studios können problematische Filme einfach in den Schlund des nimmersatten Netflix-Drachen werfen, der verschlingt, was er bekommen kann. Der Genuss bleibt aus und leiden tut der Film, denn niemand kümmert sich mehr um ihn. 

Mowgli © Netflix/Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.