Spider-Man: Into the Spider-Verse – Kritik

Spider-Man: Into the Spider-Verse - Kritik

Eines der beeindruckendsten Bilder, die das Blockbuster-Kino im 21. Jahrhundert bisher hervorgebracht hat, ist jenes von Spider-Man, der durch die Häuserschluchten von New York schwingt. Sam Raimi bannte diese mitreißende Bewegung gleich drei Mal auf die große Leinwand, während Tobey Maguire unter seiner Regie in die Rolle der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft schlüpfte. Auch Andrew Garfield, der sich in Marc Webbs Spider-Man-Reboot halsbrecherisch durch die genannte Metropole bewegte, kostete jeden Augenblick des freien Falls aus, ehe ihn die langen Spinnenfäden über den nächsten Häuserblock schleuderten. Mit einer unglaublichen kinetischen Energie verwandelten die Spider-Man-Filme das Kino in einen Ort des Staunens. Doch dann erfolgte die Eingliederung des Wandkrabblers ins Marvel Cinematic Universe.

Wenngleich Spider-Man: Homecoming mit Tom Holland als jugendlichen Spinnenmann durchaus richtige Töne im Coming-of-Age-Metier trifft, vermochte der Film bei weitem nicht mehr so zu fesseln wie seine Vorgänger. Ausgerechnet in diesem Moment tritt wie aus dem Nichts Spider-Man: Into the Spider-Verse in Erscheinung, ein Animationsfilm, der sich in seiner ganz eigenen Welt abspielt und dennoch ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Geschichte seines Titelhelden besitzt, sowohl in Form bewegter als auch gezeichneter Bilder. Wer ein Ticket für diesen Film löst, erlebt ein Superhelden-Abenteuer, das einem einzigen Rausch aus Farben und Bewegungen gleicht. Auf audiovisueller Ebene gehört das von Bob Persichetti, Peter Ramsey und Rodney Rothman inszenierte Spektakel zu den verblüffendsten Erfahrungen des Kinojahres.

Gleich in seinen ersten Minuten präsentiert sich Spider-Man: Into the Spider-Verse als selbstbewusster, frecher, aber auch liebenswürdiger Film, wenn er mit popkulturellen Referenzen um sich wirft und aus einem ironischen Blickwinkel die Entwicklung der eigenen Marke kommentiert. Es gibt nur einen Spider-Man, heißt es aus dem Mund von Peter Parker (Jake Johnson), bevor wir erst nach dem flotten Prolog den wahren Helden der Geschichte kennenlernen: Miles Morales (Shameik Moore) ist der Sohn eines Polizisten und einer Krankenschwester, der in Brooklyn aufgewachsen ist und seit zwei Wochen auf eine neue Highschool geht. Kaum unternimmt er mit seinem Onkel Aaron (Mahershala Ali) einen nächtlichen Trip um seiner Passion als Sprayer nachzugehen, wird er von einer radioaktiven Spinne gebissen.

Entgegen des einleitenden Statements expandiert Spider-Man: Into the Spider-Verse mit jeder weiteren vergehenden Minute und stellt uns zum lässigen Soundtrack sowie dem rhythmischen Score aus der Feder von Daniel Pemberton ein Multiversum vor, in dem sich gleich mehrere Heroen unter der vertrauen Maske verstecken. Zwar kommen diese aus unterschiedlichen Dimension, können jedoch nur mit vereinten Kräften Bösewicht Wilson Fisk (Liev Schreiber) in seine Schranken weisen. Wer noch nie in Berührung mit der Spider-Man-Mythologie kam, für den dürfte die Geschichte, die auf einer Idee von Phil Lord basiert und gemeinsam von diesem mit Co-Regisseur Rodney Rothman als Drehbuch umgesetzt wurde, durchaus zur verwirrenden Angelegenheit werden, je mehr Spider-Man-Variationen den Raum betreten. Nicht zuletzt lässt sich der Film sehr leicht von seinem illustren Ensemble ablenken.

Trotzdem führt ein klarer roter Faden durch Spider-Man: Into the Spider-Verse, in dem sich die verschiedenen Bildschichten virtuos überlagern und somit ihr eigenes Netz aus überwältigenden wie faszinierenden Eindrücken spinnen. Scharfe Konturen, verschwommene Hintergründe – und dazwischen blitzen sie immer wieder durch, klassische Panels, wie sie in einem Comicheft zu finden sind: Dieser Spider-Man-Film ist so nah an seinem Ursprung wie kaum eine andere Comicverfilmung der vergangenen Jahre – zumal in einzelnen Sequenzen die üblichen 24 Bilder pro Sekunde gegen 12 Stück getauscht werden, was einen verzerrenden und dennoch dynamischen Effekt hinterlässt. Beiläufig balanciert Spider-Man: Into the Spider-Verse damit ebenso die Unsicherheit seines jungen Protagonisten.

Wenn sich Miles durch die Straßen dieses sagenhaft leuchtenden New Yorks schwingt, vereinen sich klassische Zeichnungen mit CG-Elementen in komplexen Animationen, sodass sich Spider-Man: Into the Spider-Verse so anfühlt, als würden die Seiten eines Comics umgeblättert werden. Zack! Pow! Bam! Besonders in seinen nächtlichen Aufnahmen nutzt der Film die Lichter der Stadt, während Schatten explodieren und Identitäten verschwimmen. Beruhigen will er sich nie, im Gegenteil: Genauso wie Miles aufgeregt durch die Gegend läuft und vor Begeisterung ob seiner neu erlangten Kräfte und Fähigkeiten übersprudelt, entzückt Spider-Man: Into the Spider-Verse minütlich mit einer neuen Idee und entwickelt eine atemberaubende Bildsprache, die am Ende vor allem eines nicht vergisst: die menschliche Komponente in einem gut gelaunten, mitunter aber auch zutiefst tragischen Abenteuer.

Spider-Man: Into the Spider-Verse © Sony Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.