Transit und die Straße, die ins Nirgendwo führt

Transit und die Straße, die ins Nirgendwo führt

Über ein halbes Jahr nach der Berlinale sind viele Erinnerungen an die dort im Programm gezeigten Filme wieder verblasst. Transit bildet da eine Ausnahme. Christian Petzolds Adaption von Anne Seghers‘ gleichnamigen Roman hallt selbst Monate nach dem Kinostart noch nach. Es ist fraglos einer der besten Filme des Jahres, der im Sekundentakt mit einer neuen Idee, mit einem neuen Gedankengang aufwartet, von einer absolut verblüffenden Umsetzung ganz zu schweigen. Abseits davon verfolgt diesen Film eine große Ungewissheit, die nicht zuletzt aus der musikalischen Untermalung resultiert. Stefan Will liefert Kompositionen ab, die den deutsche Flüchtling Georg (Franz Rogowski) durch ein Labyrinth des Umbruchs irren lassen und dabei gleichermaßen Gelassenheit wie Unruhe zum Ausdruck bringen.

Diese Gratwanderung passt durchaus, denn zwischen all den Möglichkeiten, die sich im Lauf des Films für die Figuren offenbaren, bleiben mindestens genauso viele ungenutzt, wie in die Tat umgesetzt werden. Die Figuren befinden sich im Konflikt mit sich selbst, während sich im Hintergrund eine ungeheuerliche Zeitlosigkeit ausweitet. Zwar gibt es sowohl in Seghers‘ Vorlage als auch Petzolds Umsetzung verschiedene Hinweise, die eingestreut werden, um Ordnung im Hinblick auf die zeitliche Verordnung der Geschehnisse zu schaffen. Schlussendlich ist die Geschichte aber viel größer, als dass sie sich auf einen bestimmten Augenblick festnageln liege. So setzt der Film seine ungewisse Reise auch nach dem Abspann fort, wenn die Talking Heads von einer Straße singen, die ins Nirgendwo führt.

Der Song Road to Nowhere füllt mit unerwartetem 80er-Jahre-Einschlag die mit dem Einsetzen der Credits klaffende Lücke und begegnet der Orientierungslosigkeit mit der Zuversicht der rhythmischen Bewegung, die geradezu einem Marsch mit festem Ziel vor Augen gleicht. Ein Aufbruch am Ende eines Films, der ausschließlich damit beschäftigt ist, den Aufbruch hinauszuzögern. Sehr viel besser hätte Christian Petzold sein jüngstes Werk nicht beenden können, nachdem er zuletzt auch in Phoenix die Musik zum Schlüssel der Gefühle hat werden lassen.

Transit © Piffl Medien GmbH

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.