Undine – Kritik

Undine

Nach der herausragenden Anna Seghers-Verfilmung Transit hat sich Regisseur Christian Petzold erneut mit Paul Beer und Franz Rogowski zusammengeschlossen, um eine Geschichte auf die große Leinwand zu bringen, die zwischen dem Modernen und dem Vergangenen schwankt. An die Stelle von Marseille tritt in Undine ein sich stets veränderndes Berlin, mal mit dem Blick nach vorne gewandt, mal geradezu besessen damit, ein Relikt längst vergangener Tage zu rekonstruieren. Konkret handelt es sich hierbei um das Humboldt Forum, das gleichermaßen Ausdruck von Unentschlossenheit wie unumstößlicher Größe wird.

Undine (Paula Beer) erklärt wortgewandt die Hintergründe des Bauprojekts und interpretiert dessen Bedeutung gegenüber einer durchschnittlich interessierten Gruppe. In Wahrheit ist sie der Wassergeist, der im Undine-Mythos beschrieben wird, und beobachtet seit Jahrhunderten, wie sich die Stadt im Lauf der Zeit verwandelt. Mit einer professionellen Gelassenheit blickt sie nun auf die Transformation einzelner Bezirke zurück, während jeder Satz, der ihr über die Lippen geht, mit einer anschaulichen Information oder einer eleganten Verknüpfung ausgestattet ist. Wie leichtfüßig sich Paula Beer durch die Räume bewegt und passend dazu spricht, ist wahrlich bemerkenswert.

Dennoch wird ihre Undine von einer Unsicherheit verfolgt und getrieben. Immer wieder wirft sie den Blick aus dem Fenster in ein benachbartes Café und hofft, dass da noch der eine Mann sitzt und auf sie wartet. Doch Johannes (Jacob Matschenz) hat seinen Platz verlassen und damit eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, von denen er keine Ahnung hat. Selbst wenn sich Undine als Museumsführerin auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten mit dem klassischen Bild einer Wasserfrau teilt, kann sie ihrem Schicksal nicht entkommen und muss den Mann töten, der ihr das Herz gebrochen hat. Gekonnt spielt Christian Petzold hier mit den Erwartungen.

Als rätselhafter Film entpuppt sich Undine, genauso wie als romantischer. Auf der einen Seite sind die Themen und Motive klar durchschaubar, auf der anderen Seite entfaltet sich eine geheimnisvolle Geschichte, die am ehesten in Umarmungen begriffen werden kann, wenn die Kamera über die Schulter einer der umarmenden Figuren blickt. Das wird besonders dann interessant, wenn Undine auf den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) trifft und sich in ihn verliebt, bevor sie ihre grausame Rache ausüben kann. Eine ganze (Aquariums-)Welt explodiert, als sich die beiden zum ersten Mal begegnen – ein sagenhafter Moment in den Scherben des Glücks.

Christian Petzold hat gemeinsam mit seinem Kameramann Hans Fromm eine Filmsprache entwickelt, die so direkt wie abstrakt ist, dass es unmöglich ist, seinen Blick von den Bildern abzuwenden. In Undine sorgen vor allem die Unterwasseraufnahmen für Aufsehen, doch noch viel schöner ist der Film, wenn er in schlichten Umgebungen mit den Farben Grün und Blau spielt – im Zentrum dabei stets Paula Beer und Franz Rogowski, die nach Transit erneut außergewöhnlich zärtliche Momente schaffen. Christian Petzold will keine ihrer schüchternen, behutsamen Berührungen verpassen. Am liebsten würde er aus jeder eines jener Modelle gießen, die Undine in ihren Vorträgen bespricht.

Faszinierend ist außerdem, wie Petzold seinen vertrauten Realismus mit fantastischen Elementen zusammenführt. Undine stellt den Auftakt einer Trilogie über die deutsche Romantik dar, die sich zudem mit den verschiedenen Elementen beschäftigt. Luft- und Erdgeister sollen auf den Tauchgang in die unergründliche Tiefe folgen. Mit Undine besiegelt Christian Petzold damit seinen Status als der momentan aufregendste deutsche Filmemacher, der seit Jahren mit seiner Arbeit zu verblüffen weiß und immer noch nicht am Ende seiner Neugier und seiner Ambitionen angelangt ist. Wer sonst erzählt gerade Liebesgeschichten unter Wasser im Angesicht der Trümmer der Vergangenheit?

Undine © Piffl Medien GmbH