Us – Kritik

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Tief unter der Erde befinden sie sich, tausende Tunnel, die durch die Finsternis führen, die meisten davon verlassen oder komplett vergessen. Die Welt unter der Welt – ein gigantisches Labyrinth verborgener Gänge versteckt sich im Schatten und kann nur durch den Spiegel entdeckt werden. In einen solchen Spiegel blickt auch die junge Adelaide (Madison Curry), als sie im Prolog von Us auf einem Jahrmarkt in der Dunkelheit flüchtet. Die Eltern streiten sich, ein Spiegelkabinett verspricht die Reise zu sich selbst. Was Adelaide in den nachfolgenden Minuten entdeckt, soll sie für immer verändern – und liefert Jordan Peele die perfekte Steilvorlage für einen weiteren Horrorfilm, der voller Überraschungen steckt und bis zum Schluss für Gänsehaut sorgt.

Bereits sein Regiedebüt Get Out strotzte vor unerwarteten Einfällen und stellte Genrekonventionen auf den Kopf, während sich im Hintergrund ein düsteres Bild des gegenwärtigen Amerikas aufbaute und mit verblüffenden Enthüllungen den Atem stocken ließ. Die humorvollen Facetten des gezeigten Grauens wurden trotzdem nicht vergessen. Jordan Peele, der zuvor vor allem durch die maßgeblich von ihm mitgestaltete Sketch-Comedy Key & Peele Bekanntheit erlangte, bewies mit Get Out, dass er wie kein anderer Filmemacher im gegenwärtigen Kino auf dem schmalen Grat zwischen Horror und Humor balancieren kann. Us schließt nahtlos an dieses beeindruckende Debüt an und beweist noch mehr Lust zur Experimentierfreude.

Wenn die Handlung nach den hypnotisierenden, unbehaglichen Credits aus den 1980er Jahren in die Gegenwart springt, hat sich Adelaide (Lupita Nyong’o) scheinbar von dem Schock aus dem Opening erholt. Glücklich verheiratet mit Gabe (Winston Duke) befindet sie sich mit den gemeinsamen Kindern, Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex), auf den Weg in das kalifornische Küstenstädtchen Santa Cruz und ist bereit, sich von Janelle Monaé in den Sommerurlaub katapultieren zu lassen. Der Strand weckt jedoch beunruhigende Erinnerungen, denn genau hier blickte sie vor 33 Jahren durch den Spiegel in die Unterwelt und sah eine Doppelgängerin ihrer selbst. Es dauert nicht lange, da steht exakt jene Doppelgängerin mit ihrer eigenen Familie vor der Tür.

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Von all den unheimlichen Bildern, die Jordan Peele in Us entwirft, ist die in rot gekleidete Doppelgänger-Familie, die regungslos in der Auffahrt des Grundstücks steht, mit Abstand das unheimlichste. Wo Gabe anfangs der Überzeugung ist, ein Baseballschläger würde zur Einschüchterung ausreichen, erweisen sich die ungebetenen Gäste als unaufhaltsame Kraft, die hämmernd ihren Weg in die Wohnung findet. Mit einem Home Invasion-Thriller allein ist Jordan Peele allerdings nicht zufrieden. War Get Out auf eine Handvoll präzise ausgearbeitete Gedanken fokussiert, überschlägt sich Us gleich mehrmals in seiner Themenwahl und mutiert somit in eine mitunter unkonzentrierte, aber umso mitreißendere Bestie von Film.

Erst einmal entfesselt kennt Jordan Peeles kreative Energie keine Grenzen mehr, wobei sein größtes Talent die Zusammenführung von all den verschiedenen Eingebungen und Einflüssen ist. Inspiriert von der The Twilight Zone-Episode Mirror Image und Elementen der Body Snatchers-Filme interessiert sich Jordan Peele vor allem für das Zusammenspiel von Details, sowohl auf der visuellen als auch der auditiven Ebene. Us ist ein Fest für die Sinne und brennt sich geradezu mit jeder Einstellung ins Gedächtnis. Als wertvolle Verbündete erweisen sich dementsprechend It Follows-Kameramann Mike Gioulakis und Komponist Michael Abels. Letztrer entwirft eine bemerkenswerte Palette unbehaglicher Klänge, die mit vertrauten Motiven des Horrorfilms spielen, genauso wie Jordan Peeles Inszenierung aber hauptsächlich auf der Suche nach unverbrauchten Ideen sind.

Us zieht in seinen Bann – spätestens, wenn sich die zwei Familien unmittelbar gegenüberstehen. Fassungslosigkeit auf der einen Seite, Rastlosigkeit auf der anderen: „Who are you?“, fragt Adelaide völlig verängstigt ihre Doppelgängerin, die mit einem feurigen „We’re Americans“ entgegnet. Dieser Satz soll den gesamten Film über nachhallen, mit einer solch schauerlichen Wucht wird er ausgesprochen. Lupita Nyong’os Transformation in eine albtraumhafte Erscheinung ist unglaublich. Wie alle anderen Mitglieder des exzellenten Ensembles, das sich weiterhin auch aus Elisabeth Moss und Tim Heidecker zusammensetzt, verkörpert auch sie ihren Counterpart – und zwar mit einer Performance, die nicht von dieser Welt ist.

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Grobmotorische Bewegung vereinen sich mit einer verzerrten Stimme, wie sie kaum angsteinflößender sein könnte. Es ist kein billiger Effekt, der nur das Entfremdete provoziert, sondern eine wohl überlegte Darbietung, die bis ins Knochenmark erschüttert. Sobald Red – so der im Abspann gelistete Name von Adelaides Doppelgängerin – den Mund auf macht, ist es unmöglich, den Blick von der Leinwand abzuwenden. Lupita Nyong’os Schauspiel bringt neben Angst und Terror ebenso ungeahnte Abgründe und eine unbeschreibliche Tragik zum Ausdruck, die nicht nur die Figuren im Film, sondern auch uns Zuschauer im Kino zittern lässt. Schon lange war kein Horrorfilm nur durch seine Schauspieler so verstörend und einnehmend wie Us.

Gestörte Spiegelbilder wissen bei Jordan Peele jedoch nicht nur zu erschrecken, sondern ebenfalls in humorvollen wie grotesken Momenten zu entzücken. Der (amerikanische) Albtraum entfaltet auch in Form von cleveren sowie bitterbösen Witzen, die sich regelmäßig in den Film schleichen und für einen Augenblick den Wahnsinn in die Ecke drängt, ehe dieser wieder mit geballter Kraft zuschlägt. Dadurch wirkt Us so unverschämt spielerisch, manchmal sogar leichtfüßig. Sobald es aber darauf ankommt, sorgt Jordan Peele dafür, dass das Blut in den Adern gefriert, so ungeheuerlich ist die Geschichte seiner zweiten Regiearbeit, die er ebenfalls als Drehbuchautor betreute.

Und dann erklingt sie, die Stimme von Minnie Riperton, die zu Beginn bei einer Fernsehwerbung für die Hands Across America-Kampagne aus dem Jahr 1986 noch fehlte. Sie komplettiert die Melodie von Les Fleurs, während die Kamera über die Weite Amerikas streift. Die verborgenen Tunnel, von denen die einleitenden Texttafeln berichteten, sind vergessen. Ein bizarrer Ausbruch steht am Ende dieses Films, der beständig die Erwartungen unterläuft und mit jedem Akt ein Stück größer und epischer wird. Irgendwann verliert Jordan Peele die Kontrolle und wird vom Trauma der Figuren überwältigt. Doch sein ungehaltener Wille zum Ausprobieren verwandelt Us in einen überwältigende Odyssee durch ein Amerika, das in der Ungewissheit der Nacht versinkt.

Us © Universal Pictures