Ad Astra – Kritik

Ad Astra

New York hat er hinter sich gelassen. Bereits in seinem letzten Film kehrte Regisseur und Drehbuchautor James Gray jener Stadt den Rücken, die ihm seit Beginn seiner Karriere gleichermaßen als Kulisse wie Inspiration diente. Mit der Romanverfilmung The Lost City of Z wagte er sich auf eine Reise tief in den Dschungel, um das Unbekannte zu vermessen. In Ad Astra, seinem neusten Werk, sind die Menschen den nächsten Schritt gegangen und richten ihren Blick zu den Sternen. Die Überwindung der letzten Grenze soll Hoffnung schaffen und Antworten bringen, zuerst fallen sie jedoch in die Tiefe, mit rasender Geschwindigkeit.

Auch Roy McBride (Brad Pitt) stürzt vom Himmel herab, während die Trümmer eines Außenposten in der Stratosphäre seinen Fallschirm durchlöchern. Er ist der Sohn von Clifford McBride (Tommy Lee Jones), einem Pionier der Raumfahrt, der sich vor 20 Jahren auf die Suche nach außerirdischem, intelligenten Leben machte, von dieser Mission allerdings nie wieder zurückkehrte. Ein neues Lebenszeichen erweist sich als Hoffnungsschimmer und Bedrohung zugleich: Unter strengster Geheimhaltung wird Roy zum Neptun geschickt, um seinen Vater zu finden. Tatsächlich steht nicht weniger als das Überleben des gesamten Sonnensystems auf dem Spiel.

Diese Welt ist wahrlich aus den Fugen geraten, nicht nur aufgrund einer zerstörerischen Energiewelle in den ersten Minuten des Films. James Gray entführt uns in die düstere Version einer nahen Zukunft, in der den Menschen zwar bemerkenswerte Entdeckungen gelungen sind, der Geist einer solchen Unternehmung jedoch auf dem Weg liegengeblieben ist. Vielmehr handelt es sich um rastlose Eroberungen, die das menschliche Geschlecht bei seiner Suche nach neuen Erkenntnissen antreiben, schlussendlich aber zur absoluten Entfremdung von sich selbst führen: Auf dem Mond werden die gleichen trostlosen Anlagen errichtet wie auf der Erde, während der Kampf um Rohstoffe im Weltraum fortgesetzt wird, ehe der Mars die Endstation vor der ewigen Finsternis markiert.

Ein trostloses, aber nicht weniger einnehmendes Bild entwirft James Gray gemeinsam mit Co-Autor Ethan Gross in diesem Science-Fiction-Drama, das trotz all der futuristischen Errungenschaften wie die Archivaufnahme einer längst vergessenen Zeit wirkt. Gedreht auf 35mm-Film geht Ad Astra niemals das Bewusstsein für das Analoge verloren, wenngleich Roy immer wieder in das bleiche Digitalgesicht seines Vater blickt, unter Umständen sogar mit diesem verschwimmt. Verantwortlich dafür ist die umwerfende Kameraarbeit von Hoyte Van Hoytema, der auch in Interstellar die unendlichen Weiten des Weltraums in atemberaubenden Bildern zum Leben erweckte.

Nun spielt er mit Schärfe und Konturen und verwandelt Ad Astra in das Überbleibsel einer alten Filmrolle, die im Vorführraum zu langsam abgespielt wird, dank der behutsamen Musik von Max Richter und Lorne Balfe aber dennoch von faszinierenden Bewegungen kündet. Einzelne Passagen fühlen sich geradezu an, als würden sie in Zeitlupe die große Leinwand erobern, so beiläufig ziehen sie in dieser Space Odyssey vorbei. Auf den Spuren von Joseph Conrads aufwühlender Erzählung Heart of Darkness, die schon Francis Ford Coppola bei der Gestaltung von Apocalypse Now inspirierte, entwickelt James Grays Inszenierung dadurch eine unglaubliche Sogwirkung, als würde einen die Dunkelheit des Alls komplett verschlingen.

Als besonders unheimlich offenbart sich die Stille (und damit einhergehende Ungewissheit), die in Ad Astra immer wieder das Erzählen übernimmt, wenn Brad Pitts zerbrechliche Voice-Over verstummt und selbst die Actionszenen auf laute Explosionen verzichten. Erschütternd sind sie dennoch, diese Momente, da sie die Konflikte der Figuren in den Vordergrund rücken und allein die sorgfältig gestalteten Bilder erzählen lassen. Ein nachdenkliches wie beunruhigendes Gefühl entsteht dabei, gerade im Zusammenspiel mit den beklemmenden, einsamen Orten, die James Gray mit meisterlicher Unaufdringlichkeit in Szene setzt. Hier scheint alles verloren, obwohl alles möglich ist.

Erinnerungen an die heruntergekommenen Gänge des Raumschiffs in High Life und das raue Zittern von First Man werden wach, während das erstaunlichste Element bei all den niederschmetternden Eindrücken in Ad Astra wohl die andächtige Ruhe ist, die ein Großteil des Abenteuers bestimmt. James Gray beschwört sie herauf, als würde sich Brad Pitt durch einen zweiten Gravity hangeln, völlig losgelöst von sämtlichen Konventionen des Genres. Dieser schwebende, meditative Zustand sorgt für eine geheimnisvolle Atmosphäre und ermöglicht es den Schauspielern, allein mit ihren Blicken ganze Geschichten zu erzählen. Auch der Zentrale Vater-Sohn-Konflikt kann sich in Ad Astra unaufgeregt entfalten.

Trotz der abenteuerlichen Kulisse bewegt sich James Gray damit wieder ganz in seinem Metier. Waren es früher etwa intime Familiengeschichten, die er als Gangsterdramen erzählte, übersetzt er die Themen und Motive, die ihn seit Little Odessa und The Yards beschäftigen, als Science-Fiction-Film. Die Tragweite von Entscheidungen vergrößert sich zwar, doch mit dem herausragend von Brad Pitt verkörperten Roy besitzt Ad Astra genauso ein zerbrechliches Herz wie We Own the Night, Two Lovers und The Immigrant. Fließend gehen James Grays Filme ineinander über – und stets enden sie mit einem Eingeständnis, meist in Form einer tragischen Rückkehr.

Veränderung findet trotzdem statt, wenn auch nur im Kleinen. Ad Astra gelangt ebenfalls an den Punkt, an dem der Mensch seiner Einsamkeit ins Angesicht blickt und erkennt, dass er trotz der Dunkelheit des Weltalls nicht alleine ist, niemals alleine war. Um dorthin zu gelangen, mussten jedoch viele Grenzen überschritten werden, mitunter mit verheerenden Folgen. Spannend sind sie, die Fragen, die James Gray in diesem Zuge stellt, ohne sie direkt zu beantworten. Und dann flüchtet Brad Pitt auf dem Mars durch unterirdische Tunnel, um sich unmittelbar vor Start unter glühenden Triebwerken ins Innere einer Rakete zu schleichen und die letzte Grenze zu überwinden.

Ad Astra © 20th Century Fox