Once Upon a Time in Hollywood – Kritik

Once Upon a Time in Hollywood

Er müsste nur über den Zaun klettern, dann wäre alles möglich. Obwohl sich Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) nicht über sein Beverly Hills-Haus mit Swimming Pool beschweren kann, schielt er doch immer wieder heimlich in die Richtung der nächsthöher gelegenen Villa, die bis spät in die Nacht beleuchtet und trotzdem unerreichbar ist. Hier wohnt Roman Polanski (Rafał Zawierucha), Ende der 1960er Jahre der wohl gefragteste Regisseur auf der ganzen Welt, wie Rick gegenüber seinem Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt) erwähnt. Er hat gerade den gefeierten Horrorfilm Rosemarie’s Baby gedreht und schwimmt auf einer Welle des Erfolgs, von der Rick nur träumen kann.

Seine Tage als Star der überaus erfolgreichen wie beliebten Westernserie Bounty Law sind gezählt. Den Sprung auf die große Leinwand hat er nie geschafft. Stattdessen hofft er nun verzweifelt auf den nächsten verheißungsvollen TV-Piloten, während er sich mit Gastauftritten in anderen Fernsehserien über Wasser hält. Doch im Endeffekt spielt er auch hier lediglich den Bösewicht, der eine Woche später wieder beim Publikum in Vergessenheit geraten ist. Rick Dalton findet sich in einer Sackgasse wieder – wortwörtlich, wenn wir die Lage seines Grundstücks genau betrachten. Das Vordringen zu seinem gefragten Nachbarn gelingt ihm nicht, es bleibt nur der Klang der Musik, der herüberweht.

Unerwartet melancholisch gestaltet sich der Einstieg in Once Upon a Time in Hollywood, dem neunten Film von Quentin Tarantino, wenn wir Kill Bill als ein Werk betrachten. Nachdem er zuletzt mit Django Unchained und The Hateful Eight zwei Western drehte, beschäftigt er sich nun mit den Menschen hinter den Kulissen und taucht in eine längst vergangenen Ära des Filmemachens ein, was die wehmütige Stimmung des Films erklärt. Selbst California Dreamin‘ ertönt in einer besonders bedrückten Version. Das Hollywood aus Once Upon a Time in Hollywood existiert nicht mehr. Im Film ist es einen Schritt davon entfernt, zur verlassenen Geisterstadt zu werden wie die heruntergekommenen Kulissen von Bounty Law.

Der Wandel der Zeit ist in jeder Faser von Once Upon a Time in Hollywood zu spüren. Quentin Tarantino taucht mit der gleichen Detailverliebtheit in die 1960er Jahre ein, die schon Inglourious Basterds in eine verblüffende Erfahrung verwandelt hat. Da war es vor allem der Klang der Sprache, der mit meisterlicher Präzision balanciert wurde, während sich die Dialoge in einer Reihe überraschender Ereignisse überschlagen haben. In Once Upon a Time in Hollywood erweckt Quentin Tarantino nun die Stadt der Engel zum Leben und entführt in laue Sommernächte, die besonders dann ihren hypnotischen Sog entfalten, wenn Brad Pitt mit aller Gelassenheit durch die Straßen fährt und im Radio Mrs. Robinson läuft. 

Trotz der Schwermütigkeit, die stets im Hintergrund mitschwingt, entpuppt sich Once Upon a Time in Hollywood über weite Strecken als entspannte Los Angeles-Odyssee. Am liebsten treibt sich Quentin Tarantino auf Filmsets herum und entdeckt die Metropole als eine einzige große Filmkulisse. Wo sich Rick Dalton vor laufender Kamera beweisen muss, erlebt Cliff Booth abseits des Studiogeländes sein eigenes Abenteuer, das einem Western gleicht und von Quentin Tarantino entsprechend in Szene gesetzt wird, sodass die Grenzen zwischen Film und Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen verschwimmen. Mal ist es nur eine visuelle Referenz, dann wieder ein ganzer Szenenablauf, der das Innere der Figuren spiegelt und das Geschehen geschickt kommentiert.

Worauf Quentin Tarantinos Erzählung hinausläuft, bleibt lange Zeit jedoch unklar. Once Upon a Time in Hollywood mäandert hingebungsvoll durch größere wie kleinere Szenen, tobt sich dabei in der Filmgeschichte aus und passiert genauso oft Quentin Tarantinos eigenes Œuvre. Eine angenehme Ziellosigkeit bestimmt die Geschichte, die in der Tradition von Filmen wie The Big Lebowski, Inherent Vice und jüngst auch Under the Silver Lake steht. Meisterhaft wird Once Upon a Time in Hollywood aber erst dann, wenn die Schwerelosigkeit gewinnt und Sharon Tate (Margot Robbie) durch die Gegend tanzt, ehe sie im Kino Freudensprünge vollführt.

In eine Vorstellung ihres eigenen Films, The Wrecking Crew, setzt sich die junge Schauspielerin an einem sonnigen Nachmittag, um die Reaktion des Publikums auf ihren Auftritt zu erleben. Gespannt beobachtet die Kamera ihren Blick, der aufgeregt, neugierig und auch etwas ängstlich zur Leinwand geht, wo sogleich ihr filmisches Ebenbild erscheint. Am liebsten würde Sharon Tate das Kino und all die Menschen, die sich von den bewegten Bildern begeistern lassen, umarmen. Es ist die vielleicht schönste Geste in diesem Film, der eine einzige Liebeserklärung an das Kino ist, und Quentin Tarantino wird nicht müde, von der Magie eines in der Dunkelheit ratternden Projektors zu erzählen.

In dieser Verträumtheit erinnert Once Upon a Time in Hollywood nicht selten an ein anderes Los Angeles-Märchen, das vor gar nicht allzu langer Zeit die große Leinwand eroberte: La La Land. Beide Filme besitzen einen nostalgischen Blickwinkel, schwelgen in verblassenden Erinnerungen und erzählen dennoch eine erfrischende, moderne Geschichte, sodass sich am Ende Zeitgeist und Zeitlosigkeit miteinander vermischen. Selbst wenn Once Upon a Time in Hollywood nicht mehr so politisch und ambivalent in moralischen Fragen ausfällt wie sein letztes Werk, The Hateful Eight, ist der Film reich an hinreißenden Ideen, die uns zusammen mit den Figuren gleichermaßen stolpern wie schweben lassen.

Quentin Tarantinos ist noch nie daran gescheitert, die Welten, die er in seinen Filmen beschreibt, mit außerordentlichem Gespür lebendig werden zu lassen. Mit verspielter Sicherheit verliert er sich in den Untiefen des Grindhouse-Kinos der 1970er Jahre, wenn er nicht gerade Uma Thurman auf einem furiosen Rachefeldzug folgt, der trotz aller Gewalterruptionen in nachdenklicher wie fassungsloser Schönheit gipfelt. Quentin Tarantinos Poesie besitzt einen unverkennbaren Rhythmus und steckt voller Überraschungen und Eigensinn. Auch in Once Upon a Time in Hollywood bleibt entgegen der zahlreichen Bezüge zur Vergangenheit seine Interpretation des Vergangenen das Aufregendste, was der Film zu bieten hat.

Dann ist da Sharon Tate, die unbeschwert das Leben genießt und damit komplett dem Narrativ entsagt, mit dem sie in die Geschichte eingegangen ist. Und Cliff Booth, der als Stuntdouble auf den Parklätzen der Studios und den verlassenen Kulissen Hollywoods seinen eigenen Western erlebt. Ja, auch Rick Daltons großer Traum geht schlussendlich in Erfüllung und ihm gelingt jener Sprung über den Gartenzaun, der anfangs unmöglich schien. Eine gewisse Wehmut bleibt trotzdem, wenn Once Upon a Time in Hollywood zu den Klängen von Maurice Jarre ein letztes Mal in dieses alte Hollywood späht, das so märchenhaft niemals existierte. Aber die Vorstellung ist traumhaft und ansteckend – ein Film, der voller Leben steckt, aber ebenso unendlich traurig ist.

Once Upon a Time in Hollywood © Sony Pictures